So gastfreundlich wie in diesem Sommer waren die Salzburger Festspiele noch nie. Sie luden eine Dichterin zu Gast

und die darf ihrerseits Gäste mitbringen, ganz nach Herzens- und Leselust. So will's ein neuer Programmschwerpunkt des eben angetretenen - und schon wieder abtretenden - Salzburger Schauspielleiters Ivan Nagel. Als "Dichterin zu Gast '98" hat er sich, gemeinsam mit dem Sponsor Bertelsmann, die Büchnerpreisträgerin Elfriede Jelinek ausgeguckt, Österreichs hochangefeindete Kulturkampf-Ikone und liebste Haßfigur unter den Literaten.

Demnach ist die Dichterin in Salzburg Ehrengast und Gastgeberin zugleich. Als Ehrengast steht sie mitsamt ihrem Werk im Mittelpunkt von Huldigungen, wird fest gelesen, fest gelobt und fest gespielt. Als Gastgeberin tritt sie bescheiden in den Hintergrund, um andere Dichter ins Licht und andere Werke ins Zentrum zu rücken, etwa am vergangenen Wochenende, als ihr neues Dramolett, Robert Walser zu Ehren, uraufgeführt wurde und sich das Salzburger Landestheater mitsamt allen Nebenräumen zu einer "Reise durch Jelineks Kopf" öffnete.

Eine Kopfreise als zwölfstündiges Multimedia-Marathon, wie es Salzburg so extravagant und so trivial, so anspruchsvoll und so schräg noch nicht erlebt hat: Jelineks Lieblingshorrorfilme wurden gezeigt, ihre Lieblingsmode wurde vorgeführt (es war gewiß die erste Modenschau im Rahmen der Festspiele), ihre Lieblingsdichter, die lebenden und die toten, gaben sich ein Rendezvous, lasen und wurden gelesen. Am liebsten, sagt die Jelinek, würde sie gänzlich verschwinden hinter ihren Herzensdichtern, ihren poetischen Schwestern und Brüdern im Geiste.

Das gelingt natürlich nicht, im Gegenteil. Im Verschwinden bringt sie sich erst recht zur Geltung. Sie kann ihre wahlverwandten Dichter nicht zu Worte kommen lassen, ohne auch von sich zu sprechen, stillschweigend. Indem von ihren Geistesgefährten die nachdenkliche, erinnernde, huldigende Rede ist, werden sie kenntlich - als Fixsterne in Jelineks Dichterkosmos. Im Spiegel all der verfolgten, verjagten, verstummten, verrückten, verunglückten Poeten ihrer Wahl reflektiert sie, so überdeutlich wie verschwiegen, sich selbst.

Und wenn die Jelinek in ihrem Dramolett Robert Walser begegnet, dann will sie in dieser Begegnung sich selber treffen, naturgemäß.

Die Sprachspieler liebt sie, die zwanghaften Wortklauber wie Unica Zürn, verstrickt in die Regelwerke ihrer Anagramme und Palindrome. An den Dandys wie Walter Serner oder Konrad Bayer schätzt sie den wegwerfenden Gestus, die hochfahrende Selbstvergeudung, die Stilsucht. Die Verstörten haben es ihr angetan, die Außenseiter, die Kranken, die Süchtigen, die Selbstmörder, die Langzeitpatienten, die heiligen Narren - von Hölderlin/Scardanelli bis Herbeck, von Trakl bis Celan, von Glauser bis Plath. An Bildern inspiriert sie sich, etwa am letzten Schnappschuß eines toten Dichters mit weggekollertem Hut: der Spaziergänger und Pflegling der Anstalt Herisau, Robert Walser, im Weihnachtsschnee, vom Herzschlag gefällt und hintübergestürzt, einen Arm ausgestreckt, ein halbierter Kruzifixus.

Walsers Hut setzt denn auch den Schlußpunkt in Jelineks neuem Stück "er nicht als er (zu, mit Robert Walser)": Während der Anstaltsinsasse und gewesene Dichter aufbricht zu seinem letzten Spaziergang, fällt sein Hut vielsagend vom Haken. Blackout. Ein Einfall des Regisseurs Jossi Wieler, der die umjubelte Uraufführung bei den Salzburger Festspielen ins Werk setzte, in Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus (wo die Inszenierung ab Herbst gezeigt wird). In gewohnter Sprödigkeit verweigert Jelineks Text jede szenische Handhabe. Herkömmliche Rollenzuschreibung und Dialogform kümmern sie längst nicht mehr. Also müssen Wieler und sein Dramaturg Tilman Raabke zusehen, wie sie zu 34 Seiten Prosatext einen Bühnenvorgang erfinden. Sie stellen den Text um, streichen die Hälfte, erlösen Dialoge, wo scheinbar gar keine sind, und bauen im übrigen auf ihre Bühnenbildnerin Anna Viebrock und deren fabelhaft beklemmende Wartehöhlen, Wartehöllen.

Diesmal liegt, im gräulichen Licht, der miefige Tagesraum einer Nervenklinik, die Sitzmöbel genauso verschlissen wie die Insassen - das Schattenreich chronischer Patienten wie Robert Walser (André Jung), der unerwartet Besuch erhält. Einen Besuch wie eine Heimsuchung. Drei Damen stolpern herein, um dem verstummten Dichter zu huldigen - mondän und etwas zickig. Nicht nur die Zopffrisur und die Baskenmütze signalisieren: Es ist Sie, selbdritt (Marlen Diekhoff, Ilse Ritter, Lore Stefanek), die für sich ein Dichtertreffen mit dem berühmten Kollegen inszeniert. Es entspinnt sich ein Dialog des hohen Aneinandervorbeiredens, so preziös wie komisch. Dem kostbaren Redeschwall der drei Jelinek-Damen setzt der verstörte Heiminsasse erst sein Schweigen, dann seinen verschwiegenen Spott entgegen: Er spricht, aber nicht als er. Jossi Wieler gelingt das Schwierigste: Er hält den Dichtergipfel in der Schwebe zwischen Huldigung und Hohn. Wenn die beredte Jelinek dem verstummten Walser ihre Sprache leiht, dann ist das ja ein Akt der Demut. Oder der Anmaßung.