Schliemann, der Troja-Ausgräber, wurde zwar nicht in Ankershagen geboren, sondern in Neubukow, aber beide Orte liegen in Mecklenburg. Das beruhigt, besonders wenn man an der sehr alten Kirche von Ankershagen steht. Die Turmfalken umschwirren den Turm. Aber was sind schon Turmfalken in einer Gegend, in der immer mal ein Fischadler hoch oben schwebt. Oder gar ein Seeadler.

In Ankershagen verbrachte Heinrich Schliemann, Sohn eines Pfarrers, seine ersten Lebensjahre. Deshalb gibt es in Ankershagen im alten Pfarrhaus eigentlich ein Schliemann-Museum, schließlich soll schon der kleine Heinrich daran geglaubt haben, er würde die Stadt finden, die Homer in der "Ilias" beschreibt. Eigentlich heißt: Im Pfarrhaus wird renoviert, weshalb sich der Besucher noch bis Herbst mit einer winzigen Behelfsausstellung im Nachbargebäude bescheiden muß. Für die Kinder steht im Garten ein Trojanisches Pferd als Rutsche.

Ankershagen ist aber auch Ausgangspunkt einer Führung durch einen Teil des Müritz-Nationalparks, der hier ungefähr beginnt und sich über 308 Quadratkilometer erstreckt. Ziel der Führung ist die Havelquelle, die jedoch - das stellt unser Führer noch an der Kirche von Ankershagen klar - gar nicht die Quelle der Havel ist, was uns natürlich sehr enttäuscht. Die Havel, der brandenburgische Fluß mit dem mecklenburgischen Ursprung, ohne den Berlin und Potsdam und Brandenburg, ja selbst Rathenow nichts wären, den Theodor Fontane so schön als Flachland-Neckar rühmte und dessen Verlauf ihn an eine Kinderschaukel erinnerte, 343 Kilometer lang, ab Kilometer 100 schiffbar, davor eine beliebte Strecke für Wasserwanderer, dieser Fluß also führt gar kein richtiges Havelquellwasser - das ist hart. Aber Heinrich Schliemann, der nicht aus Ankershagen stammt, hat ja auch nicht das Troja ausgegraben, das er ausgraben wollte.

Der Wanderweg vom Schliemann-Haus zur falschen Havelquelle ist gut zu schaffen. Er führt an einer ehemaligen DDR-Schweinemastanlage auf Abriß entlang, dann tauchen die Ruinen einer bankrotten Wohnungsbaufirma auf, schließlich geht es durch Felder, dann Wiesen und dort, wo der Wald beginnt, in den Nationalpark. Dessen Eingang markiert jene Eule, die in der DDR seit 1952 den Naturschutz symbolisiert und in das neue Deutschland kam wie der grüne Pfeil und das Ampelmännchen. Zur Belohnung für den Weg zur Quelle steht dort ein Schild: "Havelquelle". Wäre es nicht beschriftet, unsereiner wäre an dem kleinen modrigen Loch mit dem Wasserrinnsal glatt vorbeigelaufen, schon wegen der Mücken.

Die eigentliche Havelquelle aber, so werden wir belehrt, liegt ein bißchen weiter nordwestlich im Bornsee, erkennbar allenfalls im Winter, weil der See an dieser Stelle nie zufriert. Da die Menschen vor Jahrhunderten einen Damm zwischen Havelquelle und Havel gebaut haben, um das Wasser für zwei Mühlen zu stauen, entstanden bemerkenswerterweise gleich zwei unterschiedliche Welten.

Das Wasser aus der echten Havelquelle fließt über den Mühlenbach in die Tollense, dann in die Peene, schließlich in die Ostsee - in die Welt des Ostens sozusagen. Die Havel selbst hält sich dagegen westlich, baut schöne Seen unterwegs und mündet bei der kleinen reizenden Stadt Havelberg mit dem berühmten Dom in die Elbe, die wiederum in die Nordsee fließt.

Aus dem, was heute als Havelquelle beschriftet ist, entspringt das "nördlichste Havelquellwasser", wie es unser Führer mit jener Neigung zum werbenden Superlativ ausdrückt, ohne den offenbar nicht mal ein stiller Nationalpark auskommt.