Held der Schweiz

Wie Luzern zu dem schönsten Konzertsaal der Welt kam

To hell - who is Held? Man muß schon dreißig Jahre zurückgehen, zu den 68ern. Namen von damals: Gerhard Schröder, zur Zeit Kanzlerkandidat, greift nach der Macht. Daniel Cohn-Bendit talkt sich eloquent durch allerlei Kanäle, und Joschka Fischer ist die Welt immer noch nicht grün genug. Und Thomas Held? Der Dutschke der Schweiz, von der Neuen Zürcher Zeitung fast schon des Landes verwiesen, schlug als hoffnungsvoller Soziologe eine Professur am Max-Planck-Institut aus und wurde ein vielseitiger Medienberater. Heute ist er der Held von Luzern.

Luzern? Richtig. 60 000 Einwohner, katholisch geprägt, gesegnet mit dem Eigensinn eines Wilhelm Tell - die hohle Gasse in Küssnacht liegt nicht fern -, diese Urschweizer Stadt hat vom 18. August an etwas Ungewöhnliches zu bieten: Direkt am Vierwaldstätter See, mit gelegentlich wolkenfreiem Blick auf den Pilatus, ist ein Kongreßzentrum entstanden, das alle Vorurteile von Innerschweizer Provinzialität Lügen straft. Projektor und Protektor dieses Musen-, Museums- und Kongreßtempels ist Thomas Held.

Die Held-Tat: Er hat in aussichtslos scheinender Situation ein dreifaches Kunststück hingekriegt - er hat einen höchst originellen (vom französischen Stararchitekten Jean Nouvel entworfenen) Bau organisiert, er hat gnadenlos den akustisch wohl besten (vom amerikanischen Akustikpapst Russell Johnson konzipierten) Konzertsaal durchgesetzt und dazu im nicht nur schweizerischen Interessengestrüpp eine politische Meisterleistung vollbracht.

Wieso das alles in Luzern? Gerade in Luzern, sagen Kenner. Seit 1938 gibt es hier die Internationalen Musikfestwochen. Sie zu gründen hatte damals seine ökonomischen Motive. Die Luzerner Hoteliers wünschten sich andere und auch mehr Gäste. Hitlers Einmarsch in Österreich kam da gerade recht: Bruno Walter durfte nicht mehr, Toscanini, überzeugter Antifaschist, wollte nicht mehr in Salzburg dirigieren. Und war preiswert zu haben: umsonst - für sein Anti-Salzburg-Engagement wollte er keine Gage. Die Luzerner griffen begeistert zu, und so kam es zu den Internationalen Musikfestwochen.

Ein halbes Jahrhundert später - die Musikfestwochen hatten sich in Europa neben Salzburg und Bayreuth etabliert - begann ein Lehrstück in Schweizer Politik, listig und konkordant. Der Listenreiche, den sich der Luzerner Gemeinderat in die Stadt holte, hieß Thomas Held. Als Sprecher der Fortschrittlichen Studentenschaft Zürich hatte der Soziologiestudent 1968 den Umgang mit politischen Lobbyisten hautnah erlebt, als Wissenschaftler hatte er den Umgang mit der Macht erforscht. Als Medienberater und Mitarbeiter der Zürcher Beratungsfirma Hayek Engineering lernte er Strategie und Taktik der Unternehmen kennen. In Deutschland beriet er fast alle großen Verlage. Nun sollte er also seine Erfahrungen in ein Projekt einbringen, das Fachmedien als Symbol für ein neues schweizerisches Kunstverständnis bewerteten. Was Held vorfand, war der übliche politische Scherbenhaufen, in dem öffentliche Wichtigtuer nur allzu gern herumstocherten.

Die Lage: Luzern hatte zwar ein Konzerthaus, das stammte aber aus dem Jahr 1933 und war ziemlich in die Jahre gekommen, eine dieser Konzert-Schuhschachteln mit dem Charme einer gymnasialen Turnhalle.

Spitzenorchester gaben zu verstehen, daß sie lieber an Luzern vorbeistreichen würden, wenn es nicht bald Besseres gäbe. Aber die Stadt hatte kein Geld für ambitiöse Bauvorhaben.

Zürich, der Rivale aus dem protestantischen Norden, scharrte schon mit den Hufen und machte eindeutige Angebote, die Internationalen Musikfestwochen zu sich zu holen. Politiker sparten nicht mit kulturbeflissenenWorten und Versprechungen - in der Hoffnung, das Ganze werde sowieso am Geld scheitern.

Die Jugend rebellierte schon mal vorsorglich und verlangte eine alternative Kultstätte. Auch die Grünen meldeten sich: Ein Neubau könnte eine geplante Parkanlage verhindern, für die das Volk in einer Initiative mit dem schönen Namen Inseli bereits votiert hatte. Und das Denkmalschutzamt erkannte die ästhetische Bedeutung der alten Schuhschachtel und verlangte, sie unter Denkmalschutz zu stellen, um so ein für allemal einen Neubau zu verhindern.

Alles in allem eine verfahrene Situation. Das Projekt war so richtig schön zerredet, als der Gemeinderat den weisen Entschluß faßte, die Verantwortung in der Sache an einen Berater weiterzureichen, vielleicht auch, um später wie weiland der den Luzernern wohlbekannte Pilatus die Hände in Unschuld waschen zu können. So kam Thomas Held ins Spiel.

Der wußte aus der Erfahrung seiner mittlerweile 52 Lebensjahre, daß auf Dauer mit dem Staat kein Staat zu machen ist. (68 läßt grüßen.) Und er wußte: Gegner muß man ins Boot ziehen. Also mußte erst einmal der Jugend geholfen werden. Im Präsidenten des Luzerner Stadtrates fand Thomas Held einen Mann, der so dachte wie er selber. Franz Kurzmeyer von den Freisinnigen erkannte, daß es nicht reicht, Verständnis für die Alternativkultur zu heucheln. Zur Überraschung aller, vor allem der Begünstigten, gelang es ihm, zehn Millionen Franken für die etwas andere Kultur loszueisen. Damit hatte er eine Opposition weniger. (Zur selben Zeit revoltierten Jugendliche in Zürich gewaltsam gegen die teure Renovierung des dortigen Opernhauses.)

Kurzmeyer wußte auch, daß der Neubau ohne private Zuwendungen nicht zu stemmen war. Also begab man sich mit Bankenhilfe auf Betteltour. 1800 Adressen wurden angegangen, 150 Besuche gemacht. 45 Millionen Franken kamen an Spenden zusammen. Held bescheiden: "Ein kleines Wunder."

Gut ein Drittel der Millionen kam von Unternehmen aus der Region. Wohl nicht ganz uneigennützig. Bei der Vergabe von Aufträgen wurde streng geregelt, wer wann womit rechnen konnte: Wer bis zu 10 000 Franken spendete, durfte auf einen Auftrag unter einer Million, wer über 20 000 gab, auf einen über eine Million hoffen. Auch die regionale Verteilung wurde geregelt: Bei gleichen Preisangeboten wurden Spender aus Luzern bevorzugt, danach die aus der Innerschweiz, erst dann der Rest aus der übrigen Schweiz.

Das Volk mußte informiert werden. Held hielt über 200 Vorträge

Eifrigste Donatoren waren die Hoteliers rund um den Vierwaldstätter See. Sie wußten, warum. Ihnen drohte der Abstieg in die Mittelmäßigkeit. Statt ausgesuchter Gäste kamen immer mehr Pauschalreisende nach Luzern, und die hinterließen selbst in mehrsternigen Hotels pro Nacht netto nicht mehr als sechzig Franken. Ein Drittel der Hotels war in Existenznöten. Nicht verwunderlich, daß der Hoteliersverband unter charmanter Führung durch die Rebstockwirtin Claudia Moser einstimmig für die Mitfinanzierung des Neubaus votierte. Jedes der 50 Hotels gab im Schnitt an die 150 000 Franken.

Rund 180 Millionen sollte der Bau kosten, 94 Millionen stellte der Stadtrat in Aussicht, 45 versprachen die privaten Donatoren, der Kanton gab 24 Millionen (bei 25 Millionen hätte es eine Volksabstimmung gebraucht). Blieb ein Rest von zehn Prozent, der über Fremdfinanzierung kommen sollte.

Bei so viel Zufluß und Zuspruch mußte jetzt nur noch das Volk befragt werden, die Bürger von Luzern. In 200 Vorträgen erklärte Thomas Held ihnen, warum sie in Zukunft ein neues Statussymbol brauchten, wenn See und Pilatus allein nicht mehr reichten. Die Parteien hatten zuvor schon mitgezogen. Nur die Unabhängige Frauenliste fand das Ganze unnötig, wenn auch schick. Da ihre Vertreterin im Gemeinderat aber vorzeitig die entscheidende Sitzung verließ, wurde das Projekt vom Gemeinderat ebenfalls einstimmig gutgeheißen. Die Presse tat ein übriges, indem sie die Luzerner mit der Horrorvision schreckte, anderenfalls zum "Züri-Süd" zu verkommen, und die Grünen konnten den Verlust von sieben Bäumen zugunsten des neuen Baus schließlich verschmerzen. Der Denkmalschutz wurde zurückgepfiffen.

Nun mußte das Volk entscheiden. Mitte 1994 stimmten zwei Drittel der Luzerner für das teuerste Bauprojekt in der Geschichte der Stadt. "Der Held kommt aus Zürich", schrieb der dortige Tagesanzeiger etwas boshaft über diesen Erfolg: "Ein Zürcher und erst noch ein ehemaliger 68er wird vom bürgerlichen Luzern gefeiert." Und das zu einer Zeit, in der Luzern in der Steuerrangliste der Schweiz gerade vom 15. auf den 20. Platz zurückgefallen war.

Für das Management dieses politischen Prozesses und seiner erfolgreichen Durchsetzung bekamen Kurzmeyer und Held den Designpreis der Schweiz. Gäbe es einen Soziologiepreis für die Anwendung der Theorie auf die Praxis und wäre er nach Niklas Luhmann benannt, bekämen beide sicher auch noch diesen.

Luhmanns Prinzip der "Legitimation durch Verfahren" haben beide im politischen Diskurs rund um das Luzerner Kongreßzentrum überzeugend vorgeführt. Nicht vom Staat kommt die Legitimation, sondern man nimmt sie sich, indem man handelt.

Und wie handelt man legitim? Durch Konsens. Dazu braucht es dreierlei: Zum ersten muß jeder Betroffene wissen, worum es geht. Dann muß man ihn in seinen Interessen ernst nehmen. Und schließlich muß der Projektleiter neutral sein.

Die Schweiz beruht verfassungsrechtlich auf diesem Konsensprinzip (jeder regiert, keiner opponiert). Und diesem Prinzip geht ein anderes voraus: das Vernehmlassungsverfahren. Das heißt, vor einer Handlung muß jeder, der davon betroffen sein könnte, "begrüßt" werden, wie es unnachahmlich auf schweizerdeutsch heißt. Held und Kurzmayer erwiesen sich in Luzern als die personifizierten Vernehmlasser. Und so waren letztendlich alle Betroffenen befriedigt und begeistert.

Da war der Umgang mit den Künstlern am Bau weitaus schwieriger. Als Architekt hatte man sich einen Star ausgeguckt: Jean Nouvel. Er verbaut jährlich viele Millionen. Sein Motto: Kunst braucht Poesie. Und so stieß sein erster Entwurf erst einmal auf Unverständnis. Nouvel wollte nämlich das Kunsthaus in den Vierwaldstätter See verlegen, das Ganze sollte aussehen wie ein gestrandetes Schiff im Becken. Das war wohl zu poetisch.

Denn: Ein guter Konzertsaal ist nun mal in seiner Struktur recht prosaisch, eben wie eine Schuhschachtel, länger als breit und weniger hoch als breit.

Nouvel hatte ein Einsehen. Er holte den See ins Konzerthaus am Ufer. Analog zu den Freiburger Bächle fließt nun Vierwaldstätter Wasser kanalisiert ums Gebäude. Die Schuhschachtel versah Nouvel mit einem riesigen Vordach, in dem sich der See spiegelt.

Im Konzertsaal kämpften noch ganz andere Elemente. Um ihn zu verbessern, zu raffinieren, empfahl der Schweizer Dirigent Matthias Bamert den amerikanischen Akustikprofi Russell Johnson, von der Luzerner Presse Magic Johnson genannt. Der hatte seine eigenen Vorstellungen von einem Konzertsaal mit gutem Ton. Johnson machte Nouvel klar, daß Architektur zwar mit Ästhetik, Akustik aber mit Physik zu tun habe. Also müsse er die Saalgröße, die Höhe, die Breite, das Bestuhlungs- und Balkonkonzept mitbestimmen. Und das Material der Wände.

Für einen phantasievollen Architekten wie Nouvel eine Herausforderung im Stil des 18. Jahrhunderts. Daß es nicht zum Duell kam, ist dem Soziologischen in Thomas Held zu verdanken. (Er promovierte über Machtverhältnisse, in der Ehe). Die Wände sind jetzt nicht glatt, wie vom Architekten gewünscht, sondern mit Gipsreliefs versehen. An der strukturierten Oberfläche sollen sich die Töne brechen. Angefertigt wurden die Reliefs von pensionierten Schweizer Stukkateuren, die sich in der Restaurierung von Barockkirchen auskennen.

Und da jeder Musiker, jeder Musikstil einen ihm angemessenen Raum fordert, mußte Johnson den Bau veränderbar ausformen. Haydn komponierte für kleine Säle, Mahler für große. Bach komponierte für Gott und die Akustik der Thomaskirche, Gluck und Mozart schrieben für die Scala. Wagner baute sich in Bayreuth einen Saal exklusiv für seine Opern.

Die Klarheit der Klassik, der Hall der Romantik - wie kann das in einem Saal zusammengehen? Johnson löste das Problem mit einer in der Höhe verstellbaren Schalldecke. An den Seiten des Saales gibt es Echokammern, die je nach Auffassung des Dirigenten wie Scharniere auf die klanglichen Eigenarten einer Komposition hin geöffnet oder geschlossen werden können, wie die Kiemen beim Fisch.

Alles harte Nüsse für einen Architekten, der die Poesie in der Gestalt und nicht in den Tönen sucht. Held verstand es, die streitbaren Herren zusammenzuhalten, zu versöhnen, zu Höchstleistungen zu animieren. Selbst auf die Farbsymphonie in Blau und Rot im Innern des Saales verzichtete der Pariser Innenarchitekt zugunsten des makellosen Weiß der Johnsonschen Gipsreliefs. Allerdings hatten auch die Dirigenten Abbado, Sinopoli und Ashkenazy gegen die Orgie in Rot-Blau ihre Bedenken geäußert. Farbe soll die Musik, sollen nicht die Wände bringen.

Im Herbst 1996 fand das letzte Konzert im alten Meili-Bau der Luzerner Musikfestwochen statt, sinnig mit den vier letzten Liedern von Richard Strauss. Am nächsten Tag kam die Abrißbirne. Am 18. August wird nun, zwei Jahre früher als geplant, der neue Konzertsaal eröffnet mit den in Luzern lebenden Künstlern James Galway (Flöte) und Vladimir Askenazy (Pianist/Dirigent). Zuhören wird ein Künstler, dessen Namen man in keinem Musik- oder Architekturlexikon je finden wird, Thomas Held.

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    • Von Adolf Theobald
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 34/1998
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