Reise zu den Brandstiftern

Brandenburg: Der alltägliche Schrecken

Am Freitagvormittag ist in Eberswalde Wochenmarkt. Märkische Bauersfrauen bieten ihr Gemüse feil, eine "Feldküche" versorgt Hungrige mit preiswerter Erbsensuppe, einige Vietnamesen haben Stände mit Textilien aufgebaut. Dort gibt es die in der Gegend beliebten Jogginghosen zu kaufen, die kurzen, dafür um so breiteren T-Shirts mit allerhand Getier und Runen darauf und kleine olivfarbene Bomberjacken ab Kindergröße 104.

Neun Jugendliche, oder, um präziser zu sein, junge Männer schlendern über den Marktplatz. Sie sind in einem Alter, in dem man sie eigentlich zu dieser Stunde in der Schule wissen möchte oder an ihrer Ausbildungsstelle, aber nun sind sie einmal hier, und sie schlendern - das braucht Platz. Dabei kann es geschehen, daß man aus Versehen jemanden anrempelt, doch meist ist das nicht nötig, denn die übrigen Marktbesucher weichen rechtzeitig ein wenig aus. So ziehen die jungen Männer zum Biertrinken in eine angrenzende Grünanlage. Das Wochenende kann beginnen.

Links heißt hier, sich die Stoppeln auf dem Kopf gelegentlich grün oder rot zu färben; Nase, Unterlippe und Augenbrauen mit dem einen oder anderen Ring zu durchstechen und im übrigen gegen "rechts" zu sein. Auch gegen den Staat, gegen die Parteien. Ein guter, ein wirklich intelligenter Diktator, äußert ein Linker in die Runde, würde die Probleme in Deutschland vielleicht besser lösen als "die Politiker" mit ihrem ewigen Gerede. Niemand widerspricht. Man trinkt auch hier Bier.

Eberswalde gelangte zu trauriger Berühmtheit, als rechte Skinheads 1990 den Angolaner Amadeu Antonio zu Tode traten. Man hat die 50000-Einwohner-Stadt das Verbrechen nicht vergessen lassen: Sorgfältig hat die lokale und auswärtige Presse das totale Versagen der Polizeibeamten beschrieben, die die Mörder gewähren ließen; aufmerksam hat sie berichtet über Ermittlungen, Prozesse und Urteile, auch über antifaschistische Demonstrationen, über Initiativen zur Ausländerintegration. Darüber ist Eberswalde zu einem Sinnbild des rechten Straßenterrors geworden, topografisch vermessen von Medienvertretern, die die harte östliche Extremismusreportage suchen: die Dea-Tankstelle, inzwischen berühmt, mit den üblichen Skinhead-Zusammenrottungen; das Leibnizviertel in der Hand der Rechten, neben dem Krankenhaus das Sportzentrum, in dem, wer möchte, Kurse in der Disziplin "Straßenkampf" belegen kann; das Brandenburgische Viertel, 15000 Plattenbauwohnungen mit allen Problemen, die eine 25prozentige Arbeitslosigkeit und eine gewalttätige Architektur mit sich bringen.

Wenn es dunkel wird, endet die Normalität

Doch wer will nur mehr eine Metapher sein, noch dazu eine für Rechtsextremismus? Die PDS-Stadtverordnete, der parteilose Bürgermeister, die Lokalredakteurin, der Fitneßstudiochef, die Ärztin im Krankenhaus, der Taxifahrer, der Hotelier: Sie alle legen Wert darauf, daß Eberswalde nicht nur so sei, wie die Journalisten es schlechtschrieben; daß es anderswo (in Bernau, in Schwedt, in Angermünde, in Berlin) mehr Fremdenfeindlichkeit gebe als ausgerechnet hier; daß der verprügelte Gambier, der zusammengetretene Italiener, der geschlagene Türke und die anderen Opfer des letzten halben Jahres nur deshalb mit der Stadt in Verbindung gebracht würden, weil diese nun einmal über das größte Krankenhaus der Region verfüge.

Der Bürgermeister ist stolz darauf, daß die Rechtsextremen keine Direktkandidaten zur Bundestagswahl aufgestellt haben und nicht zur Kommunalwahl antreten. Dafür werben NPD und DVU heftig um Zweitstimmen: Flächendeckend haben sie Plakate aufgestellt, hinter jedem Scheibenwischer stecken Handzettel der NPD; in den Schulen kursieren Eintrittsformulare der Partei.

Die brandenburgische Landesregierung hat im vergangenen Februar eine polizeiliche Sondereinheit eingesetzt. Die 40 Mann sollen die organisierten Rechtsextremen gezielt bekämpfen und die unorganisierten Gewaltbereiten nach Möglichkeit an ihren Gewalttaten hindern. Im Polizeibezirk Eberswalde ist die Mobile Einsatzeinheit gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit (Mega) mit acht Beamten vertreten. Ihr Wochenende verbringen die jungen Polizisten damit, Treffpunkte der rechten Szene zu kontrollieren, aggressiv auf öffentlichen Plätzen zechende Versammlungen aufzulösen und hartnäckige Randalierer in Gewahrsam zu nehmen.

Das liberal schlagende Herz will sich ein wenig zusammenkrampfen, wenn die Mega mit ihren nächtlichen Personenkontrollen auf dem Supermarktparkplatz beginnt. "Was soll denn das", rufen die Jugendlichen und schimpfen, nirgends könne man hingehen, jeden Spaß verderbe die Polizei, und, nein, man wisse nicht, wer die Hakenkreuze und SS-Runen hinten auf ihren Golf gemalt habe. Und der Baseballschläger im Kofferraum sei ein Sportgerät.

Wie oft die Sondereinheit es verhindert hat, daß Alkohol, Gruppenstimmung und ein geeignetes Opfer sich zu einer lebensgefährlichen Konstellation zusammenfanden, läßt sich schwer schätzen; aber bislang mehr als 5000 Personenkontrollen mögen Leben gerettet haben, einfach weil der Abend dadurch kürzer wurde.

Dem 14jährigen, den vier Kinder und Jugendliche aus Eberswalde Ende Juli fast zu Tode folterten, konnte die Polizei nicht helfen. Seine Peiniger quälten ihn am Nachmittag. Sie waren keine Rechtsextremisten, nur hatten sie unglücklicherweise Stahlkappenschuhe an. Sie hatten nichts getrunken, nur Langeweile. Der Notarzt sagt, er habe solche Verletzungen noch nie gesehen.

 
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