Alle zehn oder zwanzig Jahre gerät die Geschichtswissenschaft offenbar in eine Krise. Mal äußert sie sich politisch, mal theoretisch. Dahinter steckt immer auch ein Generationenwechsel, ein Kampf um Einflüsse und Ressourcen, zumal in Zeiten leerer Kassen. Der "Diskurs" an den Universitäten ist ja nur scheinbar herrschaftsfrei, in Wahrheit führen die meisten Gelehrten den Dolch im Gewande. Derzeit kommt die Orientierungskrise der Nachwende hinzu: Wenn "1989" welthistorisch alles relativiert hat, wo bleibt dann die "Logik der Geschichte"? Und wenn jeder Hinterhof zum "Erinnerungsort" verklärt wird, was bleibt dann vom Bildungsauftrag der akademischen Historie? Kurzum, die Geschichtsschreibung ist verunsichert. Sie kann die Probleme gar nicht so schnell aufgreifen, wie sie auf sie zukommen.

Eine besonders dramatische Infragestellung trifft seit einiger Zeit die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in ihrer progressivsten Variante, dem "Bielefelder Modell" der Gesellschaftsgeschichte, das am liebsten alle Phänomene auf Politik, Ökonomie und Klassen hochrechnet. Eine ganze Generation von Doktoranden und jungen Professoren hat sich mittlerweile Themen zugewandt, für die man unter "Strukturhistorikern" nur Verachtung kannte: Alltagshandeln und Mentalitäten, Geschlecht und Körper, Biografien und Symbole. Schon auf dem Berliner Historikertag 1984 hatte Hans-Ulrich Wehler, der Vordenker der Gesellschaftsgeschichte, vor dem aufkommenden Unheil einer "grünen" Geschichtsschreibung gewarnt, doch die alltags- und mikrogeschichtliche Welle hat im Laufe der Jahre sämtliche Bollwerke unterspült. Deshalb wird jetzt unter dem etwas verwaschenen Etikett "neue Kulturgeschichte" die "fünfte große Grundlagendiskussion" (Wehler) seit Beginn der Bielefelder Zeitrechnung geführt.

Vordergründig geht es darum, in welchem Ausmaß die "historische Sozialwissenschaft" einer kulturgeschichtlichen "Erweiterung" bedarf.

Tatsächlich aber steht weit mehr auf dem Spiel, weil jetzt allerlei ungewohnte Begriffe und Theorien in die Seminare Einzug halten. Wurde vor zwanzig Jahren noch über die Alternative Marx oder Weber diskutiert, stehen heute Theoretiker wie Michel Foucault, Jean-François Lyotard, Hayden White oder Joan Scott im Mittelpunkt der Kontroversen. Die Globalisierung hat eben auch die Historie erfaßt.

Zum Frankfurter Historikertag erscheinen nun zwei Bücher, die als heftige Symptome des neuen Grundlagenstreits gelesen werden können. Das eine stammt von dem in Cambridge lehrenden Sozialhistoriker Richard Evans, das andere von keinem Geringeren als Wehler selbst. Beide polemisieren gegen denselben Feind: die postmodernen Theorien und ihre allzu positive Rezeption in der Geschichtswissenschaft. Doch das eine ist ein sehr englisches, das andere ein sehr deutsches Buch.

Evans ist kein Theoretiker und will auch keiner sein. Ihm geht es nicht um erkenntnistheoretische Finessen, sondern um jenes Minimum an Theorie, ohne das kein Historiker auskommen kann, wenn er seine Archivfunde intellektuell verarbeiten und interessant darstellen will. Folglich reagiert er allergisch, wenn Kollegen auftauchen, die oft selbst keinerlei empirische Forschung betreiben, aber immerzu vor den Gefahren des "Empirismus" warnen. Geschichte ist für Evans kein bloßer rhetorischer Effekt, sondern eine Realität, die "da draußen" existiert sie hat sich in Dokumenten materialisiert, und es ist möglich und sinnvoll, ihren Spuren nachzugehen, die "Fakten" zu ermitteln und einen möglichst wahrheitsgetreuen Bericht zu formulieren. Keine Epistemologie kann ihm das ausreden, auch nicht der Hinweis, daß die Realität uns durch Sprache erreicht. Na und? kontert Evans, diese sprachliche Vermittlung bedeutet nicht, daß alles nur Text ist: "Auschwitz war kein Diskurs.

Massenmord als Text anzusehen bedeutet, ihn zu verharmlosen."