Felder, von oben betrachtet, haben etwas Rührendes. Vielleicht liegt es an der verzweifelten Anstrengung, ordentlich auszusehen. Die Ackerfurchen, Weideflächen und Baumreihen ähneln geometrischen Mustern und bleiben doch schief und krumm. Eine schnurgerade Straße durchschneidet die Landschaft.

Als die Kamera sich aus der Vogelperspektive zur Erde neigt, entdeckt sie auf der Straße unsere Zeitgenossen. Eine Mutter fährt mit ihren quengelnden Kindern in die Ferien. Eine Anhalterin gibt vor, taubstumm zu sein. Ein alter Mann trägt seine tote Gattin in einer Urne vor sich her. Eine Ehefrau besucht ihre Jugendliebe. Bin ich schön? folgt ihnen allen: den Männern auf Dienstreisen, den Frauen auf Abenteuersuche, den Familien, den Paaren, den Nomaden. Sie alle haben etwas Rührendes. Vielleicht liegt es an der verzweifelten Anstrengung, nicht aus der Bahn zu geraten. Oder am trotzigen Versuch, die Bahn endlich einmal zu verlassen.

Linda, die Tramperin (Franka Potente), steigt zu einem Düngemittelvertreter in den Wagen. Sie mieten sich in einem billigen Hotel ein, im Fernsehen singt Janis Joplin Cry Baby, der Vertreter bittet Linda um Schläge mit dem Gürtel. Im Nebenzimmer fleht Klaus (Steffen Wink) seine Exfreundin Franziska (Anica Dobra) am Telefon an, sofort zu ihm zu kommen. Franziska verkauft Pullover in München und heiratet einen anderen. Ihre Kundin (Iris Berben) macht schnellen Sex mit ihrem fetten Ehemann, um den roten Kaschmirpullover noch vor Ladenschluß erwerben zu können. Franziskas Schwester (Nina Petri) steht im Stau auf der Stadtautobahn und streitet sich mit ihrem Mann (Joachim Król) um dessen Urlaubsaffäre. Im Parkhaus hat jemand eine alte Frau im Rollstuhl abgestellt. "Sie mag es, wenn man ihre Arme streichelt", steht auf dem Zettel in ihrem Mantel.

Doris Dörrie hat all diese Episoden und noch etliche mehr zu einem losen Reigen verbunden. Bin ich schön? handelt wie der gleichnamige Erzählband von denen, die aus ihrem eigenen Leben auswandern möchten und es doch nicht vermögen. Von der verschollenen Liebe, der verworfenen Existenz, der verwehrten Identität. Vom Leben auf Probe und von jenem, das man vor Jahren aus Versehen oder aus Feigheit verpaßt hat. Nur die Hülle blieb übrig, ein vergessenes Kleidungsstück mit verblaßten Farben und verwaschener Textur.

"Ich fühlte mich wie ein Mensch, den ich mal gut gekannt, aber dann aus den Augen verloren hatte", heißt es in Dörries Titelerzählung. Dieser Schattenexistenz, unserer heimlichen Doppelgängerin, hat die Autorin eine Stimme und eine Sprache gegeben. Es ist eine spröde Sprache, die aus dem Innersten des Kopfes erklingt. Briefe an das eigene Ich, Flaschenpost der neunziger Jahre.

Im Film stülpt Doris Dörrie diese Innerlichkeit nach außen. Wenn ihre Bilder ebenso spröde bleiben wie der Text, gelingen ihr wundersame Miniaturen, in denen die wohlgefügte Fassade des Ich-Theaters haarfeine Risse bekommt. Etwa, wenn der Brautvater (Gottfried John) die Spuren nach dem Selbstmordversuch seiner Geliebten zu tilgen versucht: Er sitzt auf dem schneeweißen, blutbesudelten Teppich der ehelichen Wohnung und versinkt in einem Berg von Reinigungsschaum. Oder der Moment, in dem die frisch verliebte Vera (Heike Makatsch) am Flughafen auf Tamara (Gisela Schneeberger) trifft. Tamara hat ihre Flower-power-Zeit längst hinter sich und führt zwischen hektischen Zigarettenzügen aus, wie die Ideale sich in Depressionen und die Traumprinzen sich in langweilige Kerle verwandeln, denen die Haare ausfallen. So geht es zu, im Lauf der Zeit.

Doris Dörrie ist eine Meisterin der gemischten Gefühle. Sie deplaziert das Lachen, kippt die Panik in den Slapstick und die Burleske zurück in die Tragödie. Der Zufall schneidet dem schwermütigen Schicksal eine Grimasse, und die Sehnsucht erweist sich als fixe Idee. Ob sie sich nun an eine Urne oder eine Bitex-Brille, ein Hochzeitskleid oder einen Kaschmirpullover heftet, jedesmal wollen die banalen Objekte zu dem Traum, den sie auslösen, nicht so recht passen. So entsteht eine Schräglage zwischen Drama und Seifenoper, auf der Dörries Figuren unweigerlich abrutschen. Das macht sie liebenswürdig in ihrer Vergeblichkeit.