Historikertage sind nicht nur eine Leistungsschau der Zunft. In der Art, wie Themen aufgegriffen und diskutiert werden, spiegeln sich immer auch Veränderungen des politischen und intellektuellen Klimas. So war es auch auf dem 42. Deutschen Historikertag, der in der vergangenen Woche in Frankfurt am Main tagte. Einen besseren Ort hätten die Veranstalter im Jahr des 150. Jubiläums der Revolution nicht wählen können. Doch nicht das Jahr 1848 war das beherrschende Thema des Frankfurter Historikertages, sondern die Rolle deutscher Historiker im Nationalsozialismus.

Bereits in seiner Eröffnungsansprache in der Alten Oper bezog der Vorsitzende des Historikerverbands, der Frankfurter Mediävist Johannes Fried, klar Position: Führende Vertreter des Faches, die nach 1945 "unsere Lehrer waren und als Forscher unsere Vorbilder", hätten in den Jahren der Nazi-Diktatur schwer gefehlt. Darüber dürfe nicht länger geschwiegen werden. Vielmehr müsse man sich endlich der "Selbstprüfung der eigenen Disziplin" zuwenden.

Nach diesem Präludium sah man um so gespannter der Sektion Deutsche Historiker im Nationalsozialismus zwei Tage später entgegen. Der Andrang zum Hörsaal V der Johann Wolfgang Goethe-Universität war außerordentlich. Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Es gab eine aufwühlende Debatte, wie man sie seit der "Fischer-Kontroverse" auf dem Berliner Historikertag 1964 nicht mehr gekannt hatte.

Gleich zu Beginn sprang der Leiter der Sektion, Winfried Schulze (München), dem Verbandsvorsitzenden beherzt zur Seite: Das Bild der Geschichtswissenschaft im "Dritten Reich" bedürfe einer Revision. An der Tatsache einer "tief deprimierenden Anbiederung" an den Nationalsozialismus könne kein Zweifel mehr bestehen. "Endlich ist das Beschweigen und Beschwichtigen vorbei", erklärte Peter Schöttler (Berlin) zum Auftakt seines Referats. Viele Historiker hätten Hitler und seinem Regime "frei und willig gedient". Am Beispiel der "Bonner Schule" der Landesgeschichte um Franz Steinbach und Franz Petri demonstrierte Schöttler, wie die historische Westforschung der nazistischen Expansions- und Eroberungspolitik zugearbeitet hatte. Der französische Historiker Pierre Racine ergänzte den Befund: Er schilderte mit neuen Details das pronazistische Wirken des Mediävisten Hermann Heimpel an der "Reichsuniversität" Straßburg im Zweiten Weltkrieg.

Götz Aly, der Berliner Historiker und Journalist, konzentrierte sich hingegen auf die Ostforschung, vor allem auf Theodor Schieder und Werner Conze, Gründungsväter der bundesdeutschen Sozial- und Strukturgeschichte und Vorsitzende des Historikerverbandes in den Jahren 1967 bis 1976. Beide - so sein Vorwurf - hätten nach 1939 in Denkschriften und Aufsätzen ethnische "Flurbereinigungen" größten Umfangs in den besetzten Gebieten Osteuropas befürwortet und sich damit zu "Vordenkern" der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gemacht. Aly ließ noch einmal Revue passieren, auf wieviel Abwehr seine Forschungen in der Zunft gestoßen waren. Und er bedauerte, daß man die Historiker des "Dritten Reiches" nicht - wie Banken oder Industrieunternehmen - in Regreß nehmen könne. "Darin liegt, wenn man die siedlungspolitischen Projekte betrachtet, eine tiefe Ungerechtigkeit."

War das, was Schöttler und Aly vortrugen, in den Grundzügen aus früheren Publikationen bekannt, so warteten die beiden nachfolgenden Referenten mit aufsehenerregenden Entdeckungen auf. Michael Fahlbusch (Basel) berichtete über die zentrale Rolle, welche die bislang wenig beachteten "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" für viele Hunderte junge, karrierebewußte Historiker im "Dritten Reich" spielten. Ihm gelang der Nachweis, daß die "Publikationsstelle Wien" der "Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft", der unter anderem der Mediävist Otto Brunner angehörte, eng mit der SS kooperierte. Mathias Behr (Tübingen) zeigte am Beispiel der Dokumentation zur Vertreibung der Deutschen in Ostmitteleuropa, wie das alte Königsberger Netzwerk der NS-Ostforschung bald nach 1945 wieder in Funktion trat. Zum Leiter des Projekts wurde, aufgrund seiner einschlägigen Erfahrungen, Theodor Schieder bestellt.

Wie brisant solche Entdeckungen sind, welch heftige Gefühle sie noch heute auslösen, das ließ die anschließende Diskussion erkennen. Im Publikum saßen nicht nur ehemalige Schüler und Assistenten der angegriffenen Gelehrten, sondern auch Verwandte und Nachkommen. Ganz still wurde es, als sich der Kölner Historiker Wolfgang Schieder, Sohn Theodor Schieders und früherer Assistent Conzes, zu Wort meldete. Er schilderte, wie sehr die Königsberger Zeit seines Vaters auch in der Familie ein Tabu gewesen war. Im Rückblick dränge sich ihm der Eindruck auf, daß sein Vater einen Teil seiner Schuld dadurch habe abtragen wollen, daß er sich als Kölner Hochschullehrer betont liberal gezeigt habe.