Der Mann mit allzu vielen Eigenschaften

Ein deutscher Fall: Der SS-Mann Hans Ernst Schneider, der zum Demokraten Hans Schwerte wurde von 

Je mehr die dunkle deutsche Vergangenheit im Dunkel der Geschichte verschwindet, je weniger Tatzeugen und Überlebende es gibt, um so mehr wächst der Drang, sich dem Ungeheuerlichen zu nähern: durch Denkmale, Erinnerungen, Filme, wissenschaftliche Recherchen. Als nähme die Furie des Verschwindens dem Thema seine Undarstellbarkeit. Vielleicht hat ja diese späte Leidenschaft auch damit zu tun, daß die Risiken der Aufklärung und Enttarnung nunmehr begrenzt sind. Jedenfalls erscheinen in diesem Herbst, drei Jahre nach seiner Aufdeckung, drei umfangreiche Bücher über den Fall Schneider/Schwerte.

Im April 1995 hatte ein holländisches Fernsehteam ans Licht gebracht, daß der ehemalige Rektor der Technischen Hochschule Aachen und emeritierte Ordinarius für Germanistik Hans Schwerte eigentlich Hans Ernst Schneider hieß, daß er Hauptsturmführer der SS im sogenannten Ahnenerbe und im persönlichen Stab des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, gewesen war. Unter den Freunden und Kollegen Schwertes brach das blanke Entsetzen aus. Einige retteten sich in den Gestus der Empörung und verurteilten alles, was Schwerte je getan und geschrieben hatte. Andere, die ihn als einen aufgeklärten Liberalen kannten, versuchten aus den Trümmern das Bleibende zu retten: seine Verdienste um die Hochschulreform und seine Beiträge zu einer Erneuerung der Germanistik.

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Der Aachener Germanist Ludwig Jäger und der Gießener Politologe Claus Leggewie haben nun gleichzeitig zwei äußerst verschiedene Abhandlungen über den Fall publiziert. Eine dritte, herausgegeben von Helmut König im Westdeutschen Verlag, wird im Oktober folgen.

Jäger, zweifellos der gründlichere und zuverlässigere Rechercheur, stellt den Fall in die geistige Kontinuität einer stets anpassungsbereiten Germanistik.

Er nimmt Schwerte die Konversion nicht ab, entdeckt in den nach 1945 publizierten Schriften den alten, notdürftig umformulierten Ungeist. Jägers wahrhaft erschöpfende Detailgenauigkeit fördert manch Neues zu Tage. So macht er wahrscheinlich, daß Schneider damals in Königsberg entweder gar nicht oder jedenfalls nicht in vorgeschriebener Form promoviert hat. Auch hält Jäger die Tatsache für ziemlich sicher, daß Schneider, im Gegensatz zu Schwertes Dementi, durchaus von der "wehrwissenschaftlichen Zweckforschung" gewußt hat, die in Dachau fürchterlichste Menschenversuche an Häftlingen verübte daß also Schneider Kenntnis von der Bestimmung jener medizinischen Instrumente hatte, die er auf höhere Weisung von Holland nach Deutschland schickte.

Jägers minutiöse Nacherzählung der Berufung Schwertes auf den Aachener Lehrstuhl für Germanistik illustriert die These, es habe ein Netzwerk ehemaliger Aktivisten oder Mitläufer gegeben, die, zum Zweck des Überlebens und Weiterkommens, einander stillschweigend stützten. In der Tat erscheint es rätselhaft, daß der einflußreiche und in germanistischen Kreisen bekannte Schneider so lange unentdeckt geblieben sein soll.

Merkwürdigerweise bricht Jäger, als fürchte er die Gegenwart, seine Darstellung mit der Berufung Schwertes ab und umgeht den Aachener Sumpf. In ihm war schon früh mit der Kenntnis von Schwertes Identität finstere Interessenpolitik getrieben worden. Die Unterstellung in der ersten Fassung von Leggewies Buch (die Jäger bekannt wurde), Aachener Germanisten seien Teil dieses Sumpfes, konnten Jäger und sein Kollege Theo Buck nur auf sich beziehen. Sie verlangten die Änderung einiger Passagen, was den Hanser Verlag zur Entfernung des ganzen Kapitels bewog - was nicht nötig gewesen wäre, hätte Leggewie sorgfältiger gearbeitet. Weder Leggewie noch Jäger können also letzten Aufschluß darüber geben, wer in Aachen wann etwas gewußt und zu welchen Zwecken mißbraucht hat.

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