Auf der Treppe bei Karstadt liegt ein Kalenderblatt, zusammengetreten und verschmutzt. Vorne drauf steht "20 Mo Pfingsten 21. Woche". Auf der Rückseite hat jemand mit blauem Kugelschreiber notiert: "1 Karate-Buch, 1 kg Seelachsfile, 1 Zitrone".

Seelachsfile?

Einkaufszettel sind Kleinodien der Alltagskultur, beredte Zeugen des Konsums.

Sie sollen die Menschen an das erinnern, was sie ständig vergessen. Ihr Gedächtnis hat genug damit zu tun, die Träume wachzuhalten: das Einfamilienhaus, die Stereoanlage, den Sportwagen, die Karibikreise. Für Milch, Butter und Eier fehlt der Speicherplatz im Kopf. Absurd eigentlich, da man doch auf einen gefüllten Kühlschrank angewiesen ist, ohne einen Sportwagen aber ganz prima zurechtkommt.

Solange die Menschen nicht nach dieser Einsicht handeln, verwandeln sie hemmungslos alles, was ihnen gerade in die Hände fällt, in Einkaufszettel.

Herausgerissene Din-A-5-Schulheftseiten, Kalenderblätter oder quadratischpraktische Zettelchen vom Notizblock. Auf Rechtschreibung kommt es nicht an: Seelachsfile!

Und weil der Wortschatz gerade dann unauffindbar ist, wenn man in Eile ist, greift man zu Gedankenstützen wie "Dingens fürn Ausguß" oder "Schleim für Fensterfugen".