Im gebirgigen Südwesten Chinas, an einer alten Handelsstraße zwischen den Provinzen Yunnan und Sichuan, leben die Mosuo. Ihre Heimat sind das fruchtbare Hochtal von Yongning und die daran angrenzenden Gebiete: ein fischreicher See, bewaldete Hänge und weiter oben im Gebirge ertragreiche Yakweiden.

Die Mosuo praktizieren eine sehr ungewöhnliche Form der sozialen Organisation: Formelle Ehen sind bei ihnen zwar bekannt, aber selten und unbeliebt; die sozial erwünschte Form der Mann-Frau-Bindung ist eine Besuchsbeziehung, die ohne Mitwirken Dritter aufgenommen und beendet wird.

Ein Mann hat auch keine finanziellen oder sozialen Verpflichtungen gegenüber den Kindern, die er gezeugt hat. Seine Fürsorge richtet sich auf die Kinder seiner Schwestern und Kusinen, mit denen er als Onkel in einem Haushalt zusammenlebt und die ihrerseits für ihn sorgen, wenn er alt geworden ist.

Zur Ehe oder zum unverheirateten Zusammenleben sind die Mosuo nur unter Druck bereit. Vor der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei Chinas war dieser Druck demografischer Natur: Hatte eine Familie in einer Generation keine weiblichen Nachkommen, so mußte eine außenstehende Frau aufgenommen werden, um die Existenz des Haushalts fortzusetzen. Fehlten männliche Nachkommen, die körperlich schwere Arbeit verrichten konnten, nahm man den Partner einer der Frauen auf.

Nach der chinesischen Revolution reduzierten Gesundheitsprogramme Unfruchtbarkeit und Kindersterblichkeit, demografische Defizite verringerten sich. Statt dessen standen die Mosuo nun unter politischem Druck, denn die Kommunistische Partei betrachtete die Besuchsbeziehung als Relikt einer längst vergangenen Epoche, unvereinbar mit sozialistischer Moral. Von 1958 an führte sie energische Umerziehungskampagnen durch, 1975 wurden schließlich alle Erwachsenen zur Heirat mit ihren Partnern gezwungen. Ein großer Teil dieser unfreiwilligen Ehepaare ließ sich nach den ideologischen Lockerungen der Reformpolitik ab Ende der siebziger Jahre scheiden. Die eingeheirateten Partner zogen in ihre mütterlichen Haushalte zurück, die gewohnten Besuchsbeziehungen wurden wieder aufgenommen.

Die Mosuo sind davon überzeugt, daß ein Mensch am besten mit denjenigen zusammenlebt, die er von Geburt an kennt und die über untrennbare mütterliche Blutsbande mit ihm verbunden sind. Denn die Mutter ist einem Kind vom Schicksal vorherbestimmt, während der Vater als zufällig und austauschbar gesehen wird, und Partner können einander niemals so nahe stehen wie mütterliche Blutsverwandte.

Die Frauen tragen die Hauptlast der landwirtschaftlichen und häuslichen Arbeit. Sie haben aber auch einen tendenziell höheren Status als die Männer und einen leichteren Zugang zur Führungsrolle in der Familie. Männer sind zuständig für das körperlich schwere Pflügen und die Versorgung des Großviehs. Alles andere, vom Füttern der Schweine über das Jäten der Felder bis zum Kochen, ist Frauensache.

Im Wohnraum spiegelt sich die Dominanz der Frauen in der Sitzordnung: Ihr Platz ist auf der linken, statushöheren Seite des Feuers. Auch haben nur Frauen einen festen Wohnplatz im Gebäude, erwachsene Brüder müssen auswärts oder im Heu schlafen. Nur alte Männer und Mönche haben eigene Räume.

Im spirituellen Bereich wird die besondere Tüchtigkeit der Frauen auf das Vorbild und den besonderen Schutz der Berggöttin Ganmu zurückgeführt. Sie ist das höchste Wesen der einheimischen, nichtbuddhistischen Religion Yongnings. Ganmu residiert in der Mitte des Mosuo-Gebiets, und die männlichen Götter der umliegenden Berge suchen sie nachts als Partnerin auf. Sie schützt das Wohlergehen Yongnings und die Gesundheit der Frauen, ist Schutzherrin über ihre Partnerschaften und schenkt ihnen Kinder.

Trotz der weiblichen Dominanz gibt es bei den Mosuo frauenfeindliche Sprichwörter und Tabus. Ein Frauenparadies ist also auch Yongning nicht. Und als ich selbst die Frage stellte, warum die Mosuo-Frauen denn so besonders tüchtig seien, in der Hoffnung, ungebrochenes Selbstbewußtsein präsentiert zu bekommen, erhielt ich die ernüchternde Antwort: "Wir müssen. Die Männer tun ja nichts!" Die Bequemlichkeit, die die Mosuo-Männer genießen, kann man also von zwei Seiten sehen.

Im Familienrat wird so lange diskutiert, bis alle einer Meinung sind

Was immer die Mitglieder eines Haushalts ernten oder an Verkaufserlösen einnehmen, kommt in die Vorratsräume des Gehöfts und in das gemeinsame Haushaltsbudget. In das Budget fließen auch die Löhne ein, mit kleinen Abzügen, die dem persönlichen Bedarf oder den Geschenken für einen Partner dienen. Aus dem gemeinsamen Budget wiederum erhalten die einzelnen Mitglieder, was sie brauchen.

Größere Entscheidungen wie Ankäufe, Verkäufe oder zu Ausbildungsfragen der Kinder werden im Familienrat gefällt. In ihm gilt das Konsensprinzip: Es soll so lange diskutiert werden, bis ein für alle akzeptabler Entschluß gefaßt ist. Die Zuteilung kleinerer Summen an Haushaltsmitglieder, die täglichen Ausgaben und die Einteilung der Vorräte über das Jahr liegen allein in der Hand der fähigsten Frau des Haushalts, der dabu . Zu ihrer Qualifikation zählen haushälterische Talente und vor allem die Gabe, mit anderen Menschen gut auszukommen, sowie strikte Unparteilichkeit gegenüber allen Familienmitgliedern. Nur wenn keine geeignete Frau zur Verfügung steht, kann ein Mann die Position innehaben. In der Praxis allerdings fehlt oft die geeignete Frau - 1960 waren es fast 50 Prozent der untersuchten Fälle, eine kleinere Stichprobe Ende der achtziger Jahre fand sogar nur 43 Prozent weibliche dabu .

Selbst eine tüchtige Frau kann durch mehrere Kleinkinder so belastet sein, daß ein Bruder, Vetter oder Onkel einspringen muß. In jüngerer Zeit kommt die staatliche Erziehung hinzu, die die familiäre Mitverantwortung des Mannes betont. Allerdings darf ein männlicher dabu nicht alle Aufgaben übernehmen, die einer Frau in dieser Position zustehen. Das Austeilen von Vorräten und Essen sowie der Empfang von Gästen des Haushalts bleiben Frauensache und müssen gegebenenfalls von einer kleinen Schwester oder Nichte übernommen werden.

Neben ihrer wirtschaftlichen Verantwortung hatte die dabu früher auch die Aufgabe, ihren Haushalt in der Öffentlichkeit zu vertreten. Sie nahm in dieser Funktion an Veranstaltungen teil und war gegenüber dem Lokalherrscher für ihren Haushalt verantwortlich. Heute heißt es auf die Frage, wer denn für den Haushalt Behördengänge erledige, "wer am besten reden kann" - und das könne eine Frau oder ein Mann sein.

Mit 13 Jahren werden beide Geschlechter volljährig und dürfen von diesem Zeitpunkt an ohne weitere Vorbedingungen Beziehungen zum anderen Geschlecht aufnehmen. Die Mädchen haben dann eine eigene Schlafkammer im mütterlichen Gehöft. Meistens vergehen nach der Volljährigkeit noch Jahre, bis die jungen Leute wirklich Partner haben. Das Kennenlernen ist nicht schwer, denn Geschlechtertrennung gibt es weder in der Schule noch bei der Arbeit, und Festtage sind eine anerkannte Gelegenheit zur Partnersuche. Männer können, wenn sie eine Frau kennenlernen möchten, auch die Vermittlung eines Freundes suchen, über den sie an die Familie der Frau herantreten. Ob sie den Mann kennenlernen will, entscheidet die Frau alleine. Wenn sie noch jung ist, werden Mütter und Schwestern ihr zu- oder abraten. Doch Frauen können auch die Beziehung zu einem von der Familie abgelehnten Mann lange aufrechterhalten.

Mehrere Faktoren spielen bei der Partnerwahl eine Rolle: Ob der Mann gut aussieht, tüchtig und in der Gemeinschaft anerkannt ist, ob er wohlhabend ist und schöne Geschenke machen kann, ob er ein angenehmes Wesen hat, hilfsbereit und großzügig ist - all das wird in Erwägung gezogen. Ob der Mann Mosuo ist oder nicht, ansässig oder nur auf der Durchreise, spielt hingegen keine Rolle - die Beziehung bindet ihn ja nicht an eine Familie.

Stolz auf die eigene Fruchtbarkeit äußern Mosuo-Männer durchaus, aber den Wunsch, mit den eigenen Kindern zusammenzuleben, suchten die chinesischen Ethnologen der sechziger Jahre bei ihnen weitgehend vergeblich. Heute hat sich dies geändert: Die jahrzehntelangen Kampagnen, die die Verantwortung beider Eltern für die Erziehung eines Kindes betonten, haben dazu geführt, daß nun viele Männer Kinder mit ihrer Partnerin haben wollen. Diesem Wunsch wird allerdings schon durch die staatliche Geburtenkontrolle ein Riegel vorgeschoben: Yongning ist, wie alle agrarisch nutzbaren Landstriche Chinas, stark überbevölkert. Anfang der neunziger Jahre ist die Quote auch für die Mosuo auf zwei Kinder pro Frau beschränkt worden.

Junge Leute wechseln ihre Partner oft und finden die Vorstellung von Treue langweilig. Es gilt das Prinzip "Viel Freund, viel Ehr'". Stolz tragen junge Leute Kleidungs- und Schmuckgeschenke der Partner, um ihre Erfolge zu demonstrieren. Früher war es auch erlaubt, mehrere Partnerschaften gleichzeitig zu unterhalten. Dies wird heute höchstens heimlich getan, zudem gilt eine Anstandszeitspanne zwischen zwei Partnerschaften jetzt als richtig. In mittleren Jahren ziehen die meisten Mosuo ein ruhigeres Beziehungsleben vor.

Auch lebenslange Monogamie war und ist nicht ungewöhnlich. Doch die Partnerschaft kann jederzeit beendet werden, wenn einer der Partner nicht mehr interessiert ist. Die Trennung bedarf nicht unbedingt vieler Worte - der Mann kann einfach ausbleiben, die Frau ihm die Tür nicht mehr öffnen. Selbst eine jahrzehntelange harmonische Beziehung und gemeinsame Kinder sind keine Hinderungsgründe. Trennungsschmerz, Eifersucht und Versuche, einen Partner für sich zu behalten, gibt es durchaus. Doch Familie und Freunde unterstützen solche Verhaltensweisen nicht durch Verständnis, sondern sehen sie eher als peinliche Ausrutscher.

Nichts kann einen Partner halten, der seiner Wege gehen will - und warum sollte man ihn oder sie auch halten wollen: Es gibt ja genug andere. Die Männer sagen dazu: "Eine Türe schließt sich, zehn Türen öffnen sich." Die entsprechende Redensart der Frauen lautet: "Geht ein Mann, so kommt dafür ein anderer."

Die Voraussetzung dafür ist, daß die Mosuo an die Mann-Frau-Beziehung keine großen emotionalen Anforderungen stellen. Gegenseitige Sympathie muß natürlich vorhanden sein, aber menschliche Wärme und Geborgenheit werden nicht in erster Linie von einem Partner, sondern von den mutterseitigen Verwandten erwartet. Partner sind und bleiben Fremde, die nicht in der Familie aufgewachsen sind und deshalb auch nicht das Leben teilen können.

Ein Ehepartner könnte die Solidarität der Geschwister zerstören

Wenn man Schwestern hat, deren Kinder das Fortbestehen des Haushalts sichern, gilt eine Heirat als Zumutung für die Familie. Der neue Ehepartner könnte einen Keil in die Familie treiben, die Solidarität der Geschwister zerstören. In der Zeit der Eheschließungskampagnen erhielten viele der Aktivisten einen Denkzettel von der älteren Generation: Die Mütter nötigten sie zum Auszug, damit der Frieden in der Familie nicht durch Fremde gestört würde. Oft blieben Paare deshalb nur wenige Wochen beieinander. Dann zogen die Partner das gewohnte Leben mit vertrauten Personen dem sozialistischen Abenteuer Ehe vor.

Uns erscheint die Familienform der Mosuo paradiesisch-ursprünglich. Aber die Mosuo selbst verstehen sich als moderne Menschen. Sie werden nicht müde, darauf hinzuweisen, daß ihre Nachbarvölker ständigen Unfrieden in ihren Familien haben. Als eine besondere Leistung ihrer eigenen Kultur sehen sie die Bewahrung der zwischenmenschlichen Harmonie an, einer Harmonie, die gegenseitige Unterstützung und gutes Auskommen miteinander an die Spitze auch der nachbarlichen Tugenden stellt. Zumindest die Kriminalstatistik gibt ihnen recht: Yongning hat selbst für chinesische Verhältnisse eine ausgesprochen niedrige Verbrechensrate aufzuweisen. Totschlag und Mord sind sehr selten, und Fälle von Vergewaltigung sind überhaupt nicht bekannt.

Die Autorin ist Ethnologin am Hamburger Museum für Völkerkunde. Eine Langfassung ihres Textes erschien 1997 in der von Gisela Völger herausgegebenen Materialiensammlung "Sie und Er - Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich" zu einer gleichnamigen Ausstellung des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln