Männer? Nur für die Nacht!Seite 4/4
Die Voraussetzung dafür ist, daß die Mosuo an die Mann-Frau-Beziehung keine großen emotionalen Anforderungen stellen. Gegenseitige Sympathie muß natürlich vorhanden sein, aber menschliche Wärme und Geborgenheit werden nicht in erster Linie von einem Partner, sondern von den mutterseitigen Verwandten erwartet. Partner sind und bleiben Fremde, die nicht in der Familie aufgewachsen sind und deshalb auch nicht das Leben teilen können.
Ein Ehepartner könnte die Solidarität der Geschwister zerstören
Wenn man Schwestern hat, deren Kinder das Fortbestehen des Haushalts sichern, gilt eine Heirat als Zumutung für die Familie. Der neue Ehepartner könnte einen Keil in die Familie treiben, die Solidarität der Geschwister zerstören. In der Zeit der Eheschließungskampagnen erhielten viele der Aktivisten einen Denkzettel von der älteren Generation: Die Mütter nötigten sie zum Auszug, damit der Frieden in der Familie nicht durch Fremde gestört würde. Oft blieben Paare deshalb nur wenige Wochen beieinander. Dann zogen die Partner das gewohnte Leben mit vertrauten Personen dem sozialistischen Abenteuer Ehe vor.
Uns erscheint die Familienform der Mosuo paradiesisch-ursprünglich. Aber die Mosuo selbst verstehen sich als moderne Menschen. Sie werden nicht müde, darauf hinzuweisen, daß ihre Nachbarvölker ständigen Unfrieden in ihren Familien haben. Als eine besondere Leistung ihrer eigenen Kultur sehen sie die Bewahrung der zwischenmenschlichen Harmonie an, einer Harmonie, die gegenseitige Unterstützung und gutes Auskommen miteinander an die Spitze auch der nachbarlichen Tugenden stellt. Zumindest die Kriminalstatistik gibt ihnen recht: Yongning hat selbst für chinesische Verhältnisse eine ausgesprochen niedrige Verbrechensrate aufzuweisen. Totschlag und Mord sind sehr selten, und Fälle von Vergewaltigung sind überhaupt nicht bekannt.
Die Autorin ist Ethnologin am Hamburger Museum für Völkerkunde. Eine Langfassung ihres Textes erschien 1997 in der von Gisela Völger herausgegebenen Materialiensammlung "Sie und Er - Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich" zu einer gleichnamigen Ausstellung des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln
- Datum 24.09.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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