Alles ändert sich, immerzu

Anja Mannel, Tänzerin: In Deutschland ist Stillstand

Alles ändert sich, immerzu. Etwas geht zu Ende, und was dann? Noch drei Tage bis zur Prüfung. Im Loft vibriert die Luft vor Spannung. Und plötzlich bewegt sich auch noch der hellgraue Linoleumboden. Anja Mannel, die Tänzerin, verliert die Balance. Sie taumelt, schwankt, springt in die Höhe, als versuche sie sich zu retten vor dem Unheimlichen unter ihren Füßen. Bewegungen in Panik, eine Sequenz der Verrenkungen, Verschränkungen, Drehungen und Kontraktionen. Unvermittelt wie sie begonnen hat, bricht die Choreographie ab. Die Lehrerin klatscht in die Hände: "Okay. Viel besser jetzt."

Drei Tage noch bis zur Prüfung. Da soll der Boden nicht schwanken? Alle spüren es hier, im Studio der Erika-Kluetz-Schule für Theatertanz. Verletzungen häufen sich, Zipperlein melden sich, das Knie, der Leisten. Jetzt bloß nicht schlappmachen. Anja Mannel, schmal, honigblondes Kurzhaar, ein Hals wie von Nofretete abgeschaut, läßt sich keine Nervosität anmerken. Sie kennt das. Umbruch, Abbruch, Ortswechsel - nein, keine Angst. Eher routinierte Konzentration. In ihrer Biographie hat die Veränderung einen festen Platz. Das hilft. Leise beteuert sie: "Unbekanntes bereichert. Auch wenn es Enttäuschungen bringt oder Überraschungen, die nicht so angenehm sind."

Der Neuanfang in Münster. Eigentlich läuft alles besser als erwartet, auch wenn sich Anja über die Ignoranz der Mitschülerinnen wundert. Was wissen die über das andere Deutschland? "Hattet ihr Tapete? Weißt du, wie eine Banane aussieht?"

Wenn alles anders wird, ist es gut, auch etwas festzuhalten. Weitertanzen will sie. Also geht sie klopfenden Herzens in dieses Wahnsinnsballettstudio; mehrere Probensäle, eine Bühne sogar, und die strenge Lehrerin, die von der Pariser Oper kommt und in Stuttgart bei John Cranko getanzt hat. Knallhart, die Frau. Anja denkt zurück an den primitiven kleinen Saal in Ost-Berlin, wo über den Köpfen als Begleitmusik die U-Bahn entlangratterte; an die Lehrerin, die nicht immer nach der Leistung fragte. Und schluckt.

"Wie du heute tanzt, ist scheiße." Ein Ton, den die Neue ziemlich gewöhnungsbedürftig findet. Es gibt viele Sadisten unter Tanzlehrern, die glauben, Leistung habe auch mit Selbstverleugnung zu tun. "Das wollte ich mir nicht antun." Zum ersten Mal erwägt sie aufzuhören. Bleibt dann aber doch, weil sie merkt, wieviel Technik sie hier lernt, beim Ballett wie auch beim Steppen.

Kaum fühlt sie sich richtig wohl, überrollt die Familie der nächste Umzug; der Vater, arbeitsloser Sportlehrer, findet einen neuen Job in Itzehoe. Ein schmerzhafter Wechsel. Sie fühlt sich unbehaust in dieser grauen, konservativen Stadt, ohne Charme, aber mit viel Wind und Regen. Vielleicht auch unwillkommen. Es soll nicht eingebildet klingen, entschuldigt sie sich, "aber ich fand dort alle so bequem. Sie haben wenig Interesse, Neues kennenzulernen." Selbst das Tanzen ist keine Hilfe. Das Studio hat ihr nichts zu bieten. Zum zweiten Mal ist Anja Mannel soweit zu sagen: "Ich höre auf." Diesmal sind es die Eltern, die sie davon abbringen. Gibt es denn keine Alternativen?

Doch, eine Stunde Zugfahrt entfernt, in Hamburg. Die Lola-Rogge-Schule hat einen großen Ruf; und wieder ein neuer Unterrichtsstil, andere Anforderungen, unbekanntes Schrittmaterial. Hier trifft Anja zum ersten Mal Ausbildungsschülerinnen, die den Tanz zum Beruf machen wollen. Oh, ja, das wäre es, denkt die Abiturientin. Aber ist das nicht viel zu teuer? 400 Mark im Monat allein für die Schule...

Tanz absorbiert, man muß es wohl so nennen. Die täglichen Exercises, Ballett, Steppen, Modern Dance, Folklore, Improvisation, Tanzgeschichte, Musik, dazu ein Job in einer Praxis für Krankengymnastik - mitunter ist da die reine Erschöpfung, und doch peitscht einen der Ehrgeiz voran, die Leidenschaft oder auch einfach die Neugier als Antrieb: Ich kann das doch. Warum bringe ich es jetzt nicht? Noch mal!

Die Schule, die Mitschüler sind Heimat genug. Zurück in den Osten zieht sie nichts. Zum Westen generell pflegt sie eine höfliche Distanz. "In einem totalitären System rückt man zusammen. Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt - das vermisse ich."

Hier, sagt sie, sind die Menschen anders unglücklich als damals, drüben. Materieller Reichtum bei seelischer Verarmung. Ob Politik daran etwas ändern könne? Da ist sie skeptisch. Aber bestimmte Rahmenbedingungen neu zu schaffen, das wäre schon gut. Zum Beispiel? "Ich bin dafür, daß Tanz ein Schulfach wird, neben Kunst und Musik. Das ist ein Ausdrucksmittel, das Schranken überwinden kann." Als sie eine Grundschulklasse unterrichtete, hat sie festgestellt, daß über gemeinsames Tanzen auch Kinder erreichbar sind, die nur Nikes und Tamagotchis im Kopf haben.

Zur Zeit, meint sie, sei hier in Deutschland Stillstand. Helmut Kohl? Achselzucken, ein ratloser Blick. Er könnte ferner nicht sein. Gehört dieser Mann tatsächlich noch in die Gegenwart? Europa, Anja - der Mann sagt doch, das sei unsere Chance für die Zukunft. Klar, erwidert sie; aber das ist doch selbstverständlich. Das schöne am Tanz ist doch, daß er keine Grenzen kennt. Du kannst überallhin, und sie verstehen dich.

Was Anja jetzt sucht, gibt es in Deutschland nicht. Also auf in die Niederlande, wo der Modern Dance seine Entwicklung erlebt, wo es phantastische Lehrer gibt. Die Hamburgerin hat die Aufnahmeprüfung geschafft und wird von Oktober an die Hochschule der Künste in Arnheim besuchen. Vier Jahre dauert das Studium. Ein Jahr will sie erst einmal bleiben, dann wird man weitersehen.

Zukunftsangst? Null. Das große Geld sei sowieso keine Verlockung für sie. Aber da lauert eine andere Angst, die Ur-Angst aller Tänzer. Keine Kraft mehr zu haben, Abnutzungen zu erleben. Oder daß die Tage weniger werden, an denen man wirklich gut tanzt.

Heute jedenfalls hat sie es drauf. Der Boden hat noch einmal geschwankt, sie hat ihr Letztes gegeben. Liegt jetzt im Pulk der Mittänzerinnen, alle wie Embryos zusammengerollt, die sphärische Musik setzt einen letzten Akzent. Dann nur noch leises Stöhnen. Es klingt zufrieden.

 
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