Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten nannte sich die neue Partei - und sie war auf Anhieb erfolgreich. Im Januar 1950 in Schleswig-Holstein gegründet, errang sie sie schon ein halbes Jahr später bei den Landtagswahlen sensationelle 23,4 Prozent. Bald darauf wurde ihr Vorsitzender Waldemar Kraft stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister in einer CDU-geführten Landesregierung. Die Partei breitete sich rasch auf andere Bundesländer aus und wurde dort ebenfalls Regierungspartei, in Bayern ebenso wie im SPDgeführten Niedersachsen. Höhepunkt ihres Siegeslaufs war dann die Bundestagswahl 1953: Mittlerweile umgetauft in Gesamtdeutscher Block/BHE, gelang ihr mit 5,3 Prozent der Sprung in den Bundestag.

Der BHE profilierte sich vor allem mit sozialen Forderungen. 1950 waren noch Hunderttausende von Vertriebenen und Flüchtlingen in Massenunterkünften eingepfercht. Über einen Lastenausgleich wurde zwar geredet, aber bislang war wenig geschehen. Allerdings verstand sich die neue Partei nicht als nur eine soziale Interessenorganisation. Rasch entwickelte sie nämlich eine erhebliche Faszination auf ehemalige Nationalsozialisten, auch aus der westdeutschen Stammbevölkerung. Die fühlten sich nämlich ebenfalls als Entrechtete.

Parteigründer Kraft war früheres NSDAP-Mitglied, ebenfalls sein Nachfolger Theodor Oberländer und dessen Nachfolger Frank Seiboth. Dasselbe galt für die meisten Landesvorsitzenden. Ein BHE-Mandatsträger war im "Dritten Reich" Stabschef der SA (Wilhelm Schepmann), ein anderer General der Waffen-SS (Heinz Reinefahrt) gewesen, ein dritter (Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe) hatte Goebbels als persönlicher Referent gedient, und ein vierter (Paul Beck) eine entsprechende Position bei Fritz Sauckel inne gehabt, Hitlers Generalbevollmächtigtem für den Arbeitseinsatz (1946 in Nürnberg gehängt).

Gewiß sah der BHE sich selbst nicht als NSDAP-Nachfolgeorganisation. "Wir sind die Partei auch der ehemaligen Nazis", beschrieb Kraft die Seinen gerne, "aber nicht derjenigen, die heute noch Nazis sind." Allerdings läßt sich in der Partei manch wohlvertrautes Gedankengut ausmachen, oft durchaus originell den neuen Zeiten angepaßt. Auch forderte der BHE kategorisch, die Vergangenheit nun endlich ruhen zu lassen: "Schluß mit der Naziriecherei, Schluß mit der Diffamierung!" Und zum Thema Ostpolitik hieß es 1950 kurz und bündig: "Das außenpolitische Ziel ist die Wiedergewinnung der uns widerrechtlich genommenen Ostgebiete."

Doch Kraft und seine Mitarbeiter entwarfen auch neue Konzepte. Diese hingen eng mit dem Umstand zusammen, daß Kraft aus Westpreußen stammte, also dem Gebiet, das bereits 1919 Polen zugeschlagen worden war. Mit der Gewinnung der Vorkriegsgrenzen konnte es demnach nicht getan sein, denn dann wäre Westpreußen ja nach wie vor polnisch.

Kraft entwickelte sich verdächtig rasch zu einem überzeugten Anhänger der europäischen Einigung. Wiederholt erklärte er, es ginge nicht darum, Grenzen zu errichten, sondern Grenzen einzureißen. In zeithistorischen Darstellungen wird dies oft als Zeichen politischer Mäßigung gedeutet. Der konkrete Sinn der Kraftschen Europa-Begeisterung erschließt sich allerdings erst bei der Lektüre einer Denkschrift aus dem Dezember 1950 von Erwin Hasbach, die Kraft inhaltlich übernahm. Hasbach, ein früherer Abgeordneter des Sejm und des polnischen Senates, war ein alter Mitstreiter Krafts aus den Tagen des westpreußischen "Volkstumkampfes" der zwanziger und dreißiger Jahre.

Hasbach war klar, daß Deutschland unbedingt die Unterstützung der Westmächte bräuchte. Diese würden jedoch einer Vertreibung der Polen kaum zustimmen, und außerdem hätten die Vertriebenen in ihrer Stuttgarter Erklärung 1950 ja selbst jeder Rache und Gewalt abgeschworen. Man müsse sich folglich damit abfinden, "daß wir bei einer angenommenen Wiederinbesitznahme ... neben den neuen polnischen Besitzern werden leben müssen".