Man sollte sich durch den Seifenoper-Titel nicht irritieren lassen: Bei dem neuen Buch des Bremer Historikers Lothar Machtan, das rechtzeitig zum 100.

Todestag des Reichsgründers am 30. Juli erschien, handelt es sich durchaus um eine seriöse Untersuchung über Bismarcks Ende und die öffentlichen Reaktionen darauf. Der Autor hat eine Fülle bislang unbekannter Quellen, vor allem aus dem Bismarck-Archiv in Friedrichsruh, zusammengetragen und sie verwoben zu einer packenden historischen Reportage.

Noch nie zuvor ist so eindringlich geschildert worden, wie langsam und qualvoll sich Bismarcks Sterben vollzog. Im Sommer 1897 hatte sein Leibarzt Schweninger erste Anzeichen von Altersbrand im linken Bein des Patienten entdeckt. Hinzu kamen schmerzhafte Gesichtsneuralgien, unter denen Bismarck schon während seiner Zeit als Reichskanzler gelitten hatte. Da der geliebte Champagner als Betäubungsmittel nicht mehr wirkte, mußten dem Kranken immer höhere Dosen Morphium verabreicht werden. Gegenüber den nur noch selten sich in Friedrichsruh einfindenden Besuchern bemühte sich Bismarck zwar, Contenance zu bewahren

doch Mattigkeit und Lebensüberdruß ergriffen immer stärker Besitz von ihm. Am Ende war der vor Schmerzen halb Wahnsinnige ein gebrochener Mann, für den der Tod eine Erlösung bedeutete.

Die Öffentlichkeit wurde über den kritischen Gesundheitszustand des Altkanzlers bis zuletzt im unklaren gelassen. Nach Machtans plausibler Deutung stand hinter der Heimlichtuerei die Furcht des Bismarck-Clans, daß das Bild des inzwischen zum nationalen Übervater stilisierten Patriarchen durch peinigende Einzelheiten seines Siechtums beschädigt werden könnte. Bis in seine letzten Tage plagte Bismarck überdies der Alptraum, Kaiser Wilhelm II. könne sich an seinem Sterbelager einfinden und ihn in seiner ganzen Gebrechlichkeit zu Gesicht bekommen. Diesen Triumph wollte der Todkranke dem Hohenzollernherrscher, den er noch kurz vor seinem Ende verächtlich einen "dummen Jungen" nannte, nicht gönnen.

Machtan läßt noch einmal das Finale einer veritablen Männerfeindschaft Revue passieren. Wie Bismarck dem jungen Kaiser die kränkenden Umstände seiner Entlassung im März 1890 nie verzeihen konnte, so sah sich Wilhelm II. durch die wachsende Idolisierung des Exkanzlers in seinem monarchischen Selbstbewußtsein empfindlich getroffen. Seine Absicht, durch eine effektvoll inszenierte Beisetzung in Berlin etwas von dieser Popularität auf sich zu übertragen, wurde durch Bismarcks Familie vereitelt. Nicht einmal den toten Bismarck sollte der Kaiser sehen dürfen. Denn als er am Nachmittag des 2.

August 1898, von seiner Nordlandreise kommend, in Friedrichsruh eintraf, war der Sarg bereits verlötet.