Mit dem Eifer von Inquisitoren
Die Jagd der amerikanischen Medien nach privaten Verfehlungen ihrer Politiker wird weitergehen - Monicagate ist nur ein erster Vorgeschmack
Washington
Der Starmoderator des Fernsehsenders ABC kennt keine Selbstzweifel. "Leuten, die sich darüber aufregen, daß wir zuviel über Lewinsky und Clinton berichten, rate ich nur eines: Sagt das dem Präsidenten." Hätten die Medien sich vielleicht trotzdem mehr zurückhalten sollen? Sam Donaldson, der im Fernsehen mit seiner tiefen, modulierenden Stimme immer so seriös und unerschütterlich wirkt, findet schon die Frage abwegig. "Die Presse hat Lewinsky nicht erfunden." Nicht erfunden, das stimmt. Monica ist echt, und auch die Beziehung zwischen Praktikantin und Präsidenten war real. Doch nichts hätte den amerikanischen Nachrichtenmedien in den vergangenen Monaten willkommener sein können als dieser Skandal. Clintons öffentliche Ansprache Mitte August brachte CNN die höchsten Einschaltquoten seit dem Prozeß gegen O. J. Simpson; Fox-News hatte noch nie so viele Zuschauer wie an diesem Abend. Die Auslieferung des Berichts von Sonderermittler Kenneth Starr an den Kongreß füllte bei den Infokanälen ganze Fernsehtage mit billigen Bildern. Die vierstündige Video-Übertragung der Clinton-Aussage vor der Grand Jury schauten sich am Montag morgen der vergangenen Woche über 22 Millionen Amerikaner an. Und nie haben so viele Internet-Surfer nach demselben Text gesucht wie an dem Tag, als der Starr-Report im World Wide Web veröffentlicht wurde.
Als endgültigen Durchbruch des "Ereignis-Journalismus", der sich über Monate hinweg mit einer fesselnden Geschichte meist prominenter Menschen beschäftigt, beschreibt John Cassidy, Autor des New Yorker , den Umgang der Medien mit der Affäre. Zwar führten auch schon das O.-J.-Simpson-Verfahren oder der Tod von Lady Diana zu einer vergleichbaren Nachrichtenflut. Doch nie war die Fokussierung auf ein Thema so total, nie auch so einträglich: Mit ständigen Wiederholungen von Clinton-und-Lewinsky-Sequenzen und folglich minimalen Produktions-kosten können die Medienkonzerne ein maximales Kundeninteresse wecken. Nicht nur CNN sendet seit Wochen immer wieder die Bilderfolgen, die Clinton und Lewinsky bei der Umarmung mitten in einer Menge begeisterter Anhänger des Präsidenten zeigt. Fast täglich wird auch der Filmausschnitt gezeigt, in dem Clinton versichert: "Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau, Miß Lewinsky."
Die 24-Stunden-Hetzjagd nach Nachrichten, der Wettbewerb um immer neue, immer heißere Details, führten zu endlosen Variationen stets gleicher Geschichten. Der Washingtoner CNN-Bürochef, Frank Sesno, beschreibt diese Entwicklung so: "Eine Meldung steht in der Presse, wird von einer Nachrichtenagentur oder einem Internet-Dienst veröffentlicht und dann von anderen Medien ständig wiederholt, bis sie schließlich unkontrollierbar durch die Öffentlichkeit geistert."
Natürlich, auch früher machten Enthüllungsgeschichten die Runde, doch das neue Tempo und die moderne Technik geben dem Geschehen heute eine ganz andere Brisanz. Nicht nur Nachrichtensender wollen rund um die Uhr mit kleinen Neuigkeiten unterhalten; vor allem die neue Internet-Konkurrenz mischt immer kräftiger im Geschäft mit den Enthüllungen mit. Dabei haben die Internet-Dienste einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Sie können ihre Nachrichten mit wenig Aufwand ins Netz stellen und so sekundenschnell Gerüchte um die Welt schicken.
Das Prinzip der meisten neuen Internet-Anbieter ist einfach: Jeder Skandal ist erlaubt, solange er nur Leser bringt. Pikante Details aus dem Starr-Bericht waren beispielsweise zuerst im Netz zu lesen - neben anderen, wild erfundenen Geschichten. Die Netz-Anbieter heben damit nicht nur die Grenzen zwischen Gerüchteküche und seriöser Information auf. Sie setzen mit der Verbreitung ihrer Informationen auch die traditionellen Nachrichtenagenturen und die Presse unter Druck. "Unglücklicherweise sind die letzten Barrieren gefallen. Es gibt heute fast keine Schranken mehr für Geschichten, es ist keine Privatsphäre mehr übrig", sagt Frank Sesno von CNN. Die Folge: Privates wird politisch, und die politische Agenda handelt immer mehr von privaten Affären.
So ist es seit Wochen schon im Weißen Haus. Die Pressekonferenzen, die fast täglich in einem kleinen Raum im Seitenflügel des Hauses stattfinden und die immer von der gleichen ausgewählten Schar von Journalisten besucht werden, können mit noch so ausgefallenen Themen beginnen. Sie enden immer bei: Clinton und Lewinsky. "Das ist die große Geschichte. Deshalb müssen wir danach fragen", rechtfertigt Helen Thomas von der Nachrichtenagentur UPI das Insistieren der Reporter. Die Doyenne des Pressekorps im Weißen Haus, die schon seit der Kennedy-Präsidentschaft über das höchste Amt im Staate und seine jeweiligen Inhaber berichtet, wundert sich über Kritik an der Arbeitsweise der Presse. Schließlich gehe es derzeit um das Schicksal des Präsidenten, warum solle man da andere Fragen als die nach der Lewinsky-Affäre stellen: "Wir wissen, welches Thema wichtig ist."
Zudem: Viele Korrespondenten im Weißen Haus fühlen sich schlicht von Clinton betrogen. Der Enthusiasmus, mit dem der charismatische, junge Präsident empfangen wurde, ist schon vor langer Zeit der Ernüchterung und sogar der Verbitterung gewichen. Monatelang waren die Reporter im Kampf um die neueste Enthüllung in der Lewinsky-Affäre auf die Konkurrenz aus dem Internet oder eigene, anonyme Quellen angewiesen - und für deren Gebrauch heftig kritisiert worden. Sie seien ein Werkzeug von Kenneth Starr, lautete der Vorwurf; der Publizist Steven Brill warf den Kollegen in seiner neuen Medienzeitschrift Brill's Content gleich reihenweise unsaubere Arbeit vor. Nun jedoch stellt sich heraus, daß während all der Zeit der Präsident und seine Mitarbeiter Aug in Aug mit den Journalisten viele Fakten, die sich nun als wahr entpuppen, ungeniert geleugnet haben. Das schmerzt. Und das nehmen Journalisten übel. Worum es bei den Fakten ging, daß über Sex und nicht über Staatsgeheimnisse gelogen wurde, ist längst nebensächlich geworden.
"Sie benehmen sich wie betrogene Geliebte", sagt Todd Gitlin, Professor an der New York University. Der Kommunikationsexperte erklärt die Reaktion der Medienleute mit dem Woodward/Bernstein-Syndrom: "In der Watergate-Affäre wurden Journalisten von Politikern nach Strich und Faden belogen. Die Aufklärung dieses Betruges durch Bob Woodward und Carl Bernstein war der heroische Augenblick des amerikanischen Journalismus." Die beiden Reporter der Washington Post konnten Richard Nixon damals nachweisen, was bis dahin kaum ein Bürger des Landes hätte glauben mögen: daß der Präsident den Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel selbst angeordnet hatte.
Seitdem, meint Gitlin, sind viele Reporter überzeugt, daß es ihre Aufgabe sei, die Mächtigen bloßzustellen. Nur zähle heute leider das Motiv nicht mehr viel. "Einzig die Haltung ist geblieben." Deswegen seien die Journalisten oft so selbstgerecht und überheblich, neige die Presse insgesamt zu inquisitorischem Enthüllungseifer. Und dabei verschöben sich die Grenzen der Nachforschungen eben immer mehr ins Private.
Die Folgen der Grenzverschiebung sind offensichtlich, das jüngste Opfer ist Henry Hyde: Der Vorsitzende des Justizausschusses mußte kürzlich eine dreißig Jahre alte Affäre mit einer verheirateten Frau zugeben. Mehrere Redaktionen hatten es zunächst abgelehnt, die uralte Geschichte über den ehrwürdigen Ausschuß-vorsitzenden zu drucken. Doch als das Internet-Magazin Salon den angeblichen Skandal schließlich publik machte, kam die seriöse Presse unter Druck.
"Nachdem die Geschichte bekannt war, mußten wir auch darüber berichten. Das Ereignis wurde politisch relevant", sagt Michael Oreskes, der Washingtoner Bürochef der New York Times. Oreskes hält seiner Zeitung zugute, daß sie "die Details nicht beschrieben hat". Dennoch ist er über die Entwicklung in den Medien besorgt. Nach eigenen Maßstäben hätte die New York Times nie über das viele Jahre zurückliegende private Verhältnis des Politikers geschrieben. Doch schließlich tat sie es, weil es alle taten. Oreskes bringt die Entwicklung auf die Formel: "Die Maßstäbe erodieren."
Wird die totale Transparenz zur totalen Überwachung?
Die politischen Folgen? Schon fragt sich manch ein Politiker, ob er solch eine mediale Überwachung über sich ergehen lassen soll. Jüngst sinnierte der texanische Gouverneur George Bush öffentlich darüber, ob er wirklich um das höchste Amt im Staate kämpfen wolle. Der Sohn des ehemaligen US-Präsidenten, der als vielversprechender Kandidat der Republikaner gilt, gab dabei rein prophylaktisch schon einmal eine Verfehlung zu: Er habe früher zuviel getrunken.
Ob das Land künftig nur noch von abstinenten, treuen, nichtrauchenden, keinesfalls inhalierenden, also kurzum fehlerfreien Präsidenten regiert werden wird? Der New Yorker Kommunikationswissenschaftler Todd Gitlin kommt zu einer kulturpessimistischen Prognose: "Die Gesellschaft der totalen Transparenz entpuppt sich als Gesellschaft der totalen Überwachung." Er fürchtet, die Lewinsky-Berichterstattung sei ein erster Schritt auf dem Weg in eine Gesellschaft, die zwar den unbegrenzten, ungefilterten und immer schnelleren Zugang zu Informationen ermöglicht - dabei aber nicht informierter, sondern nur voyeuristischer wird.
Bislang haben sich die Amerikaner allerdings von all den Medienskandalen erstaunlich unbeeindruckt gezeigt. Sie nehmen sie zwar zur Kenntnis. Ihr Urteil über die Arbeit eines Politikers scheint das jedoch nur begrenzt zu beeinflussen. Clintons Umfrageergebnisse sind gut, trotz allem.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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