Am besten draufkotzen

Die Schallplattenhüllen des Punk kommen jetzt ins Wohnzimmer - als Buch

Wenn man wirklich die Nase voll hatte, wenn die Musikstudentin einen Stock höher zum viertenmal auf Geige und Flöte zu Yesterday mit Freundinnen ansetzte, wenn Rudi Carrell am laufenden Band, Wort für Wort von unten durchs Parkett drang, dann wurde es Zeit zurückzuschlagen: mit den Sex Pistols oder der ersten Platte von den Ramones. Zwei, höchstens drei Stücke, dann war Ruhe. Als hätte man ihnen die Fresse poliert. Ja, so wild und gewalttätig fühlte sich Punk an.

Und dabei paßte man doch höllisch auf, die Cover zu schonen, alles Raritäten. Beim legendären Berliner Plattenladen Zensor war sie schon seit einem halben Jahr aus dem Regal verschwunden, ärgerlich, die Nachpressung hatte eine andere Verpackung - Tragik jeder gutbürgerlichen Schallplattenrevolte.

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Ein reichlich naiver Standpunkt, weiß McLaren doch genau, wie Punk zu Punk wurde: Aus der Anti-Mode sollst du kommen und zu Mode wieder werden.

Selten gab es eine Revolte, die so schnell in den Boutiquen der Kaufhäuser landete, kaum einen Sammelbegriff, der in so viele Stile zerfiel. Und so findet sich hier das ganze Kaleidoskop der Zeit zwischen 1975 und 1980: die brutal-knallige Grafik mit der Sahne-Blut-Ästhetik, die Parodien und Billigplagiate, die Nekrophilen, Vampire, Monster und politischen Horrorszenarien, die Comics, Fotoromane und Schnipselcollagen. Doch verblüffend: Das Cover-Modell "Künstler blickt uns an", der schlichte Wunsch, gesehen, geliebt und berühmt zu werden, taucht häufiger auf, als die No-Future - Programmatik vermuten ließ.

Die erste Hülle einer Sex-Pistols-Single allerdings blieb schwarz, das reine Schwarz, sonst nichts. So konsequent, wie ihre Musik bösartig, laut und grandios war. Die folgenden Cover konnten da - selbst bei den Sex Pistols - nicht mithalten. Wer sich musikalisch anfangs als "Punk" tarnte, verriet sich schon bald im Bild. In allen Varianten kopierten und klebten sie Kunst und Armut, bis Punk alles und nichts wurde.

The Album Cover Art Of Punk! Der wahre Punk mag stilgerecht kotzen, doch der las nie die ZEIT, tauschte schon vor zwanzig Jahren seine Singles gegen Bier und Stiefel, fand Sid Vicious geil, wo wir den ätzenden Humor Johnny Rottens goutierten und mit Punk für das häusliche Grundrecht auf Krach und schlechten Geschmack kämpften. Also, ohne Reue Kopfhörer auf, volle Lautstärke und mitgesummt: "I am an Antichrist. I am an anarchist. Don't know what I want but I know how to get it." Und im Familienalbum geblättert!

· Burkardt Seiler & friends:

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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  • Schlagworte Rudi Carrell | Punk | Musik | Vampir | Zürich
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