Auf Wiedersehen, Kinder

Eric Rohmer vollendet seinen Filmzyklus über die vier Jahreszeiten mit "Herbstgeschichte"

Als alles vorbei ist, als Magali und Gérald sich gefunden haben (oder zumindest nicht verloren), als Rosine wieder bei Etienne und Isabelle wieder bei ihrem Ehemann gelandet ist (wenigstens scheint es so; aber der Blick, den sie beim Tanzen aus der Umarmung des Mannes heraus in die Kamera wirft oder auch in die Nacht, spricht eine andere Sprache): Als alles das, was passieren konnte, auch passiert ist (oder etwas ganz anderes) - da singt Claude Mardi mit seiner Band auf provenzalisch das Lied vom Wegfahren. "Wenn das Leben eine Reise ist, dann wünsch' ich euch schönes Wetter, gute Zeit, / Grün und Blau und wilde Blumen. Gute Fahrt, meine Kinder."

Das Leben eine Reise. Dabei ist der Film gar nicht besonders weit herumgekommen. Von St.-Paul-Trois-Châteaux, einem Städtchen im Rhônetal zwischen Valence und Avignon, hat er nach Bourg-Saint-Andéol geführt, einer anderen kleinen Stadt an der Rhône, und anschließend war er noch an ein paar weiteren Orten, die alle nicht mehr als 20 Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt lagen. Trotzdem hat man am Ende von Herbstgeschichte das Gefühl, ein gutes Stück Lebensweg hinter sich zu haben - auch wenn es nicht der eigene war.

Vor neun Jahren, während in Osteuropa der Kommunismus zusammenbrach und das Volk der Deutschen sich in vaterländischer Liebe vereinigte, begann Eric Rohmer mit der Arbeit an einem neuen Filmzyklus: Erzählungen der vier Jahreszeiten . Zuvor hatte Rohmer schon zwei andere, aus je sechs Filmen bestehende Zyklen gedreht: Moralische Geschichten (1962 bis 1972) und Komödien und Sprichwörter (1980 bis 1987). Jede dieser Filmreihen folgte einer fest vorgegebenen Konstellation: In den Moralischen Geschichten ging es stets um einen Mann, der sich zwischen zwei oder drei verschiedenen Frauen entscheiden muß; in den Komödien und Sprichwörtern dagegen jeweils um eine Frau, die auf der Suche nach einem neuen Leben, einer neuen Liebe vor verschiedenen Alternativen steht.

Ein Doppelspiel zwischen Magie und Geometrie

Mal, wie in Meine Nacht bei Maud (1969), wurde diese Grundidee ganz konsequent durchgeführt; mal, wie in Pauline am Strand (1982), verband sie sich mit anderen Motiven zu einem verwirrend vielfältigen Muster. Aber immer blieb sie zwischen den Wendungen und Wechselfällen der Filmhandlung sichtbar wie eine Stahlprothese auf einem Röntgenbild.

Frühlingserzählung , der erste Film des neuen Zyklus, schien dagegen einer viel diffuseren Strategie zu folgen. Zuerst sah man eine junge Frau, die sich, mit zwei verschiedenen Wohnungsschlüsseln in der Tasche, dazu verleiten ließ, in einer dritten, fremden Wohnung zu übernachten. Dann trat ein etwas älterer Mann auf, dessen Leidenschaft zwischen seiner Lebensgefährtin und der Freundin seiner Tochter hin- und herschwankte. Später wurde dann viel über Kant und die Logik der Zahlen gesprochen. Der Film spielte offenbar ein Doppelspiel: zwischen Vagheit und kalter Berechnung, zwischen Magie und Geometrie. Welche der beiden Kräfte obsiegen würde, war nie ganz ausgemacht, so wie am Ende auch nicht ganz klar war, welche der Personen sich zu Paaren zusammenfinden würden und welche nicht.

In einem Interview mit der französischen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma hat Eric Rohmer erklärt, sein neuer Film Herbstgeschichte , mit dem er den Vierjahreszeitenzyklus abschließt, "reime" sich mit Frühlingserzählung ebenso wie Sommer (1996) mit Wintermärchen (1992). Begründung: " Sommer und Wintermärchen ergänzen sich dadurch, daß der erste die Geschichte von einem Mann und drei Frauen erzählt, während der zweite sich um eine Frau und drei Männer dreht... In Herbstgeschichte und Frühlingserzählung dagegen ist viel vom Denken die Rede. Die geheimen Gedanken der Figuren werden oft angedeutet, aber nicht verraten. In beiden Filmen stehen diese Gedanken im Dienst eines Plans, einer Intrige."

Der Plan, die Intrige: das ist in Herbstgeschichte eine Kontaktanzeige. Isabelle (Marie Rivière) sitzt am Kassentisch ihrer Buchhandlung, während sie den Text telefonisch durchgibt: "Witwe, 45, zwei erwachsene Kinder, fröhlich, lebhaft, gern in Gesellschaft, aber isoliert auf dem Land lebend, sucht Mann, der körperliche und moralische Schönheit liebt."

Die "Witwe, 45", das ist Magali (Béatrice Romand), Isabelles Freundin, die mehr schlecht als recht ein von ihrem Vater hinterlassenes Weingut bestellt. Isabelle hat Magali kurz vor der Traubenernte besucht, um sie zur Hochzeit ihrer Tochter Emilia einzuladen, sie hat sie auf ihr Alleinsein zwischen Winzern und Gemüsebauern angesprochen, und Magali hat angefangen zu weinen. Ja, gewiß, sie brauche wieder einen Mann. "Aber in meinem Alter ist das schwieriger, als einen Schatz unter den Weinreben zu finden." Und eine Suche per Zeitungsannonce? "Ich könnte nie jemanden lieben, den ich auf diese Weise kennengelernt habe."

Herbstgeschichte ist, anders als die drei anderen Teile des Zyklus, kein Film über junge Leute, Lebensanfänger, die ihre schönsten und bittersten Stunden noch vor sich haben. In dem Alter, in dem Isabelle und Magali angekommen sind, ist die Liebe kein reines Spiel mehr. Sie steht, genauso wie die Jahreszeit, von der der Film erzählt, im Zeichen der Reife. In jede Geste der Personen sind Erfahrungen eingeschrieben, erlittene Kränkungen, überwundene Schmerzen. Für Rohmer, den ewigen Chronisten der Jugend, ist das ein ungewohntes Sujet.

Deshalb hat er zwei Schauspielerinnen vor die Kamera geholt, denen er seit langer Zeit verbunden ist. Béatrice Romand war schon in Claires Knie (1970) als Schwester der Titelheldin zu sehen, und Marie Rivière zählt durch ihre Rollen in Die Frau des Fliegers (1980) und Das grüne Leuchten (1986) zu den Ikonen des Rohmer-Kinos. Gemeinsam spielen sie den Rest des Ensembles, die altkluge Rosine (Alexia Portal), den wehleidigen Etienne (Didier Sandre) und den steifen Gérald (Alain Libolt), an die Wand. Herbstgeschichte ist, wie die meisten Filme Rohmers, eine Frauensache: Die Männer reden, die Frauen denken - und lenken das Geschehen.

Eine Mischung aus Hilfsbereitschaft und Koketterie hat Isabelle dazu gebracht, für ihre Freundin die Anzeige aufzugeben und sich unter falschem Namen mit einem wildfremden Mann zu treffen, und dieselbe Mischung ist es, die sie beinahe alles verderben läßt. Auf der Hochzeitsfeier Emilias flirtet sie mit Gérald, ihrem Kandidaten für Magali, gerade als diese von draußen die Tür öffnet. Auf einmal sitzt die Witwe ganz allein im Garten, ihrem Wehleid und ihrer Eifersucht ausgeliefert. Wie es Rohmer dann doch wieder schafft, das auf die Spitze getriebene Mißgeschick zu besänftigen, ohne die Geschichte zum Happy-End zurechtzubiegen, das gehört zu den Berufsgeheimnissen dieses Regisseurs. Das Auge der Meister verrät sich nicht in großen Effekten, sondern in kleinen Wendungen: Eben noch war es bloß ein erzählerischer Trick, und plötzlich ist es die Wahrheit über ein Leben, im guten oder bösen. Bei Rohmer kann man das sehen: diesen Blick.

Jeder von Rohmers Filmen ist eine Feier des Wirklichen

Das Zyklische ist das Gegenteil von Geschichte. Es ist die ewige Wiederholung, die unendliche Variation des Gleichen. So wie die Jahreszeiten. Vielleicht sind deshalb die Contes des quatre saisons der Rohmer-Zyklus schlechthin: kein abstrakter Begriff, sondern die Natur selbst als Ordnungsprinzip; und alles andere ein Spiel des Zufalls und der Wünsche. Er "schreibt uns unser Handeln nicht vor..., er eröffnet uns einfach nur das Feld des Möglichen, das heißt den Raum unserer Freiheit." Das hat kein berauschter Rezensent über Rohmers Filme geschrieben, sondern Rohmer selbst über Beethovens Musik ( Von Mozart zu Beethoven , Residenz Verlag, 1997). Dieser durch formale Strenge gebändigte Überschwang, wie er die Musik der Klassik auszeichnet, ist auch typisch für Rohmers Kino. Am Ende ist jeder seiner Filme nichts anderes als eine Feier des Wirklichen, wie es ist, befreit von der Last der Fiktion.

Als Eric Rohmer vor vier Jahrzehnten mit Im Zeichen des Löwen seinen ersten Spielfilm drehte, war er der älteste Regisseur der Nouvelle Vague. Heute, 78 Jahre alt, ist er der einzige, der sich die Schlichtheit und Jugendlichkeit des Aufbruchs von damals bewahrt hat. Unmittelbare Pläne, sagt Rohmer in den Cahiers , habe er keine, aber Projekte für die fernere Zukunft. Er wünscht uns in seinem Film gute Reise. Und wir ihm ewiges Leben.

 
Service