"Der Westen als Besatzungsmacht"
Warum junge Ostdeutsche rechts wählen. Eine Ursachenforschung
· Unter www.zeit.de/links/ finden Sie weitere Informationen über Rechtsextremismus in Deutschland
DIE ZEIT: Die rechtsextremen Parteien haben den Sprung in den Bundestag und in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern deutlich verfehlt. Ist die Gefahr von rechtsaußen nach dem Schock von Sachsen-Anhalt jetzt gebannt?
ZEIT: Wie erklären Sie die braunen Sympathien so vieler ostdeutscher Jungwähler?
WAGNER: Rechtsextreme Jugendbewegungen hatten schon zu DDR-Zeiten Tradition. Von den siebziger Jahren bis zum Mauerfall gab es im Osten ein Netz von neonationalsozialistischen Gruppen mit rund 1000 polizeibekannten aktiven Mitgliedern und etwa 15000 Sympathisanten. Außerdem waren Diskussionen mit völkischen Argumenten die Regel. Sie wurden in allen Bevölkerungsschichten bis hin zur SED-Elite geführt und waren von Ausländerfeindlichkeit geprägt - etwa gegenüber Polen.
ZEIT: Warum brachten die Vereinigung und die Demokratie keinen Bruch mit diesen Traditionen?
WAGNER: Viele junge Ostdeutsche haben nie Vertrauen in die Demokratie gefaßt. Sie sagen: Es ändert sich sowieso nichts. Etliche Jugendliche fühlen sich als Verlierer, als Parias der Einheit. Sie erleben den Westen heute als eine Art Besatzungsmacht und flüchten in DDR-Erinnerungen oder noch weiter zurück - in die Geschichte des "Dritten Reiches". Besonders die NPD nutzt diese Gemütslage aus. Ihr radikal antidemokratisches und ihr antikapitalistisches Gehabe kommt an. Sie läßt DDR-Mythen wie Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit und Geborgenheit für junge Leute weiterleben. So konnte sie immer mehr rechtsextreme Jugendorganisationen an sich binden. Bei den Kommunalwahlen in Brandenburg schaffte sie es am Sonntag erstmals, Abgeordnete in die Stadtverordnetenversammlungen von Fürstenwalde und Frankfurt an der Oder zu schicken.
ZEIT: Sehen Sie in dem Ergebnis Gefahren für ostdeutsche Städte und Gemeinden?
ZEIT: Welche Strategie empfehlen Sie in solchen Fällen?
WAGNER: Die klassischen Reaktionen - Sozialarbeit und hartes Durchgreifen der Polizei - reichen nicht. Sozialarbeit ist sinnvoll bei Jugendlichen bis zu etwa 16 Jahren, die noch nicht völlig fanatisiert sind. Älteren Rechtsextremen, die über Jahre Teil dieses Milieus waren, ist mit Argumenten oft nicht mehr beizukommen. Für sie sind Polizei und Justiz zuständig. Entscheidend ist jedoch heute, daß die demokratisch gesinnte Bevölkerung in den ostdeutschen Kommunen den öffentlichen Raum von den Neonazis zurückerobert. Es ist nicht länger hinnehmbar, daß rechtsextremes Gedankengut in steuerfinanzierten Einrichtungen wie Schulen oder Freizeitheimen verbreitet wird. Deshalb sollten sich Bürger, Privatinitiativen und staatliche Organisationen zusammentun. Gemeinsam müssen sie ihre Werte - Demokratie, Achtung der Menschenwürde - öffentlich und offensiv vertreten. In der gegenwärtigen Lage kann das sehr viel Mut erfordern.
Die Fragen stellte Wolfgang Proissl
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




