Gert Loschütz: "Unterwegs zu den Geschichten"; Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1998; 205 S., 32,- DM

Ein Roman über die Entstehung eines Romans, der dann doch nicht geschrieben wird: Gibt es das noch nach Thomas Mann, Uwe Johnson und Max Frisch? Ist es noch erlaubt, daß ein Autor sich beim Schreiben selbst über die Schulter schaut und sich Gedanken macht über die richtige Erzählperspektive oder, wie Gert Loschütz sagen würde, das Verhältnis von Nähe und Distanz? Ist das noch statthaft in einer Zeit, wo die Aufmerksamkeitsspanne sich reduziert auf die sinnhaltige Sequenz zwischen zwei Werbespots und der Zuschauer oder Leser bei der Stange gehalten werden muß durch immer stärkere Dosen von Sex und Gewalt?

Die Antwort lautet in allen drei Fällen ja. Ein Autor wie Gert Loschütz darf nicht nur, er muß festhalten am Anspruch der Literatur, durch Verfremdung der Dinge die Entfremdung und Verdinglichung des Lebens sichtbar zu machen. Wo er dies nicht tut und augenzwinkerndes Einverständnis signalisiert, hat er nicht bloß eine für sein wirtschaftliches Überleben notwendige Konzession gemacht, sondern ein Grundprinzip moderner Literatur zur Disposition gestellt, die nicht auf Wiedererkennungsreflexen beruht, sondern auf dem Infragestellen eingeübter Lese- und Sehgewohnheiten.

Um all das geht es in diesem an unvermutetem Ort, im (Theater-) Verlag der Autoren, erschienenen Buch, das so bescheiden daherkommt, daß es unbeachtet geblieben wäre, hätte nicht die antizyklische Bestenliste des Südwestfunks Gert Loschütz Tribut gezollt. Sehr zu Recht, denn der blaue Band enthält weit mehr als eine Sammlung beliebiger Kurzprosa, wie sie Titel und Aufmachung signalisieren, nämlich Baumaterialien für einen ungeschriebenen Roman, der Strategien des Erzählens (oder des Nichterzählens) in unaufdringlicher und plausibler Art reflektiert. Der Autor gibt Regel und Beispiel zugleich: eine Poetikvorlesung, wenn man so will, die um Stationen des eigenen Lebens kreist, Orte der Kindheit und Jugend abschreitet und aus der Differenz zwischen Damals und Heute, Hier und Dort eine Topographie des geteilten und wiedervereinigten Deutschland entwirft. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? - Solche Existenzfragen beantwortet Loschütz nicht mit dem hohlen Pathos und den frommen Lügen der Geschichtsschreibung, sondern mit Geschichten, deren Ende offen ist. Er ist ein Meister der leisen Töne, und seine Kunst ist die des genauen Details, in dem die Überzeugungskraft dieses Buches steckt.