Potsdam

Haushoch hat er die Wahl zum Oberbürgermeister von Potsdam gewonnen. Aber seine Freude darüber ist verhalten. Denn Matthias Platzeck weiß: "Lustig wird das nicht, was auf mich zukommt." Immerhin gratulierten ihm am Wahlabend gleich mehrere Mitarbeiter der als verkrustet und lahm geltenden Stadtverwaltung und beteuerten: "Wir wollen ja was tun für die Stadt, konnten aber bisher nicht." Platzeck atmete auf, denn der Problemberg läßt sich nur bewältigen, wenn es ihm gelingt, die Verwaltung zu motivieren und mitzureißen.

Der neue Oberbürgermeister kann es schaffen, denn er gewann über 63 Prozent der Stimmen, während seine Partei, die SPD, bei den Wahlen zum Stadtparlament nur auf 39 Prozent kam. Er genießt also großes Vertrauen in der Bevölkerung. Platzeck, der brandenburgische Umweltminister, der zunächst zum Bündnis 90/Die Grünen gehörte, hat sein politisches Talent und seine Kompetenz schon bewiesen, bevor er auf den Oderdeichen stand und seine Tatkraft im vergangenen Jahr bundesweit bewundert werden konnte. Zu DDR-Zeiten gehörte Platzeck zu den Gründern der Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz und Stadtgestaltung Argus, einer oppositionellen Gruppe, die sich gegen die Stadtzerstörung durch die SED-Politik richtete.

Und Stadtzerstörung bleibt sein Thema. Mehrere Bauherren haben in Potsdam Bauwerke hingeklotzt, deren Häßlichkeit und gigantische Ausmaße dem Bestreben, das historische Stadtbild zu bewahren, eklatant widersprechen. Platzecks Vorgänger Horst Gramlich ist nicht zuletzt wegen dieser verhängnisvollen Baupolitik abgewählt worden. Wird der Neue die Kraft haben, den Baulöwen Paroli zu bieten? Wunder seien von ihm nicht zu erwarten, hatte er schon im Wahlkampf gewarnt.

Diese Offenheit gehört zu den großen Stärken des 44jährigen Hoffnungsträgers der Brandenburger SPD, der seiner Heimatstadt Potsdam zuliebe auf die Chance verzichtet hat, in Gerhard Schröders Kabinett Umweltminister zu werden. Der Mann, der am liebsten mit dem Fahrrad zur Arbeit und zu nahe gelegenen Terminen fährt, hat ein ungekünsteltes Wesen, ist bürgernah und glaubwürdig. Wie durchsetzungsfähig der immer freundliche Politiker ist, das muß sich erweisen.

Die neue Aufgabe jedenfalls erfordert mindestens ebensoviel Kraft und Geschick wie das bisherige Ministeramt. Die orientierungslose Stadtverwaltung muß reformiert werden, das Potsdamer Verkehrschaos verlangt eine Lösung, das Stadtzentrum muß endlich aus der Agonie erweckt, die Bundesgartenschau im Jahre 2001 ein Erfolg werden - und als Morgengabe zum Amtsantritt hat die Landesregierung soeben Pläne offenbart, die ohnehin spärlichen Zuschüsse für die Landeshauptstadt zu reduzieren.

"Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit" sieht Matthias Platzeck auf sich zukommen. Vor allem hat er sich vorgenommen, die resignierte Stimmung in der Stadt zu ändern. Potsdam hat günstigere wirtschaftliche Daten und größere Chancen als die anderen ostdeutschen Städte. Aber gleichzeitig sind hier Unzufriedenheit und Pessimismus deutlicher spürbar als anderswo. Der Einfluß der reichlich vertretenen ehemaligen Funktionärskaste macht sich hier ebenso bemerkbar wie das Mißmanagement der letzten acht Jahre.