Ökonomie handelt im Grunde vom Abwägen zwischen Optionen. Zentral sind die "Opportunitätskosten". Sie beziffern das, was einem entgeht, wenn man eine bestimmte Alternative fallenläßt.

Hans-Werner Sinn ist ein Ökonom, wie er im Buche steht. Und er hat abgewogen. Erst im März, als er nach langen Verhandlungen doch nicht das Präsidentenamt beim Hamburger HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung antrat. Jetzt hat er wieder abgewogen - und wird Chef des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Tatsächlich sind die Opportunitätskosten im Falle ifo geringer. Der 50jährige bleibt Professor für Volkswirtschaftslehre an der Münchner Universität und steht weiter dem selbstgegründeten Center for Economic Studies vor. Ab sofort tanzt er somit mindestens auf drei Hochzeiten. Denn die Lehre, sein "Lebenselixier", will er nicht aufgeben.

Was hatte der geborene Westfale nicht schon für Angebote. Anfang der neunziger Jahre ereilte ihn ein Ruf nach Berlin. Die Bayern konterten diese Verlockung mit einem lukrativen Angebot: Sie richteten dem selbsternannten "Weltverbesserer" das Center ein. 1993 sollte er ein neues Max-Planck-Institut leiten. Doch er blieb und bekam mehr Geld für sein Center. Es ist eben alles eine Frage der Opportunitätskosten.

"Hans-Werner Sinn ist einer der aktivsten und profiliertesten Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland", lobt Martin Hellwig. Der Mannheimer Wirtschaftstheoretiker stellt Sinns Arbeiten zur Vereinigung heraus. Vor allem das Buch "Kaltstart - Volkswirtschaftliche Aspekte der deutschen Vereinigung" gehöre "zum Besten, was zum Thema geschrieben worden ist".

Den Elfenbeinturm der Wissenschaft kennt Hans-Werner Sinn nur vom Hörensagen. Theoretisch fundiert untersuchte er schon die verschiedensten Themen - im Beirat des Bonner Wirtschaftsministeriums oder an der Spitze einer Expertenkommission Wohnungspolitik der Bundesregierung. Wie Kapitaleinkommen besteuert werden sollten - Sinn hat das längst erörtert. Wie sich das Rentensystem bewahren läßt - Sinn hat es längst vorgetragen. Lautstark warb der Professor für einen fünfjährigen Lohnstillstand in Ostdeutschland. Sinn ist der Generalist unter Deutschlands Topökonomen.

Nun tritt er als Retter des angeschlagenen ifo Instituts an. "Weil Bayern nicht Hamburg ist. Hier in Bayern will man die Dinge bewegen ...", vertraute er der Süddeutschen Zeitung an. Keine leichte Aufgabe. Der Wissenschaftsrat wollte das Institut vom Forschungs- zum Servicebetrieb degradieren. Ifo müsse sich "stärker als bisher wissenschaftlich betätigen", ist Sinns Antwort. Schnell wird er daher die Anbindung an das Center for Economic Studies verstärken. Seine neuen Mitarbeiter sollen an den "großen Themen" arbeiten - von der Steuerreform bis zum Umbau der Sozialsysteme. Sinn will mehr Kooperation mit dem Ausland. Er hat bereits amerikanische Nobelpreisträger nach Bayern gebracht. Und seine Habilitanten vermittelt er gerne an die Eliteuniversität Princeton.