Wer sie auf dem Jazzfestival vor der Ruine von Eldena in Mecklenburg erlebt hat, wie sie in einem zur Garderobe umfunktionierten Container saß, einsam im Hopperschen Licht, eine ungehaltene Königin, als hätte sie ihr Reich verspielt, der wußte um ihre Singularität. Die Amerikanerin Betty Carter eine Jazzsängerin zu nennen ist nicht ganz falsch. Richtiger ist: Sie war eine oft düstere Geschichtenerzählerin, eine Tochter der Kassandra. Sie war eine wunderbar gefräßige Sängerin, denn sie aß förmlich die Songs von Hoagy Carmichael, Jerome Kern, Richard Rodgers und den anderen Kompositionsriesen. Sie pumpte sich auf und wurde eine phantastische Improvisationsmaschine. Sie steigerte sich in eine Art von Musikwut hinein. Und sie war in diesen Augenblicken den großen Jazzinstrumentalisten völlig ebenbürtig. Und wenn sie sich Cole Porters Everytime We Say Goodbye vorknöpfte, dann wurde einem weinerlich zumute. Betty Carter starb im Alter von 69 Jahren.