Wenn man ausgerechnet den so entscheidenden Wahlsonntag auf einer Insel in Süditalien verbringt, dann wird die gesuchte und geschätzte Abgeschiedenheit plötzlich zur Last. Es fehlen die Diskussion und der Austausch von Argumenten.

Natürlich kennt man die konkurrierenden Meinungen: Für die Große Koalition spricht, so sagen die einen, daß Entscheidungen, die längst fällig sind, getroffen und durchgesetzt werden. Die anderen argumentieren, die Voraussetzung dafür sei der sichtbare Wechsel. Eine echte Wende, die könne nur Rot-Grün bringen. Ich denke, die haben recht.

Warum? Wenn man einen Blinden und einen Lahmen zusammenspannt, erwächst daraus wenig Zugkraft. Wir brauchen aber einen Aufbruch. Es gibt genug ungenützte Energien unter den Bürgern. Sie warten nur darauf, daß ihnen jemand das Gefühl gibt: Jetzt geht's los, jetzt lohnt es sich.

Viele meinen, die Grünen werden unrealistische Ziele verfolgen, der SPD das Regieren schwermachen, die Entwicklung hemmen. Aber das dürfte eine übertriebene Sorge sein. Der Sachzwang, la nature des choses, wie de Gaulle das nannte, ist in diesem Moment stärker als die Ideologie.

Seit Jahren haben wir darauf warten müssen, daß nach einem der seltenen großen Umbrüche jemand das Steuer in die Hand nehmen und den Weg weisen würde - nichts dergleichen geschah. Wie ein reißender Strom rast die Geschichte an uns vorüber, wir - die Regierenden und das Volk - stehen ratlos am Ufer und fragen, wo der uns wohl hinträgt?

Liebe Freunde, seid nicht kleinmütig, seid voller Hoffnung. Chancen sind immer auch mit Risiko verbunden. Wer darum auf Stillstand und Bewahren setzt, über den geht die Geschichte gnadenlos hinweg - denn die Geschichte ist ein Prozeß. Das Motto "Verweile doch, du bist so schön" gilt für sie nicht.