Das Wahldebakel der Union ist eine Zäsur in ihrer Geschichte. Die CDU und CSU stehen an einem Scheideweg. Sie müssen jetzt entscheiden, was sie wollen: sich erneuern an Haupt und Gliedern, in Stil, Rhetorik und auch Politik - oder darauf warten, bis die rotgrüne Regierung gegen die Wand fährt, und derweil Ressentiments pflegen. Das eine käme einer Art Neugründung als Volkspartei gleich, das andere wäre der sichere Weg, sich als 30-Prozent-Partei zu stabilisieren.

CDU und CSU werden eine Weile brauchen, bis sie aus dem Schock erwachen und sich das ganze Ausmaß ihrer Niederlage klarmachen. Natürlich, nach 16 Jahren kann man die Mehrheit verlieren. Daß die SPD an ihr vorbeizieht, schmerzt die Union schon mehr, ist aber noch keine Katastrophe. Mit 35 Prozent aber ihr schlechtestes Ergebnis nach 1949 eingefahren zu haben ist ein historisch neuer Sachverhalt. Die eigentliche Gefahr für die CDU besteht nicht darin, daß sie auseinanderfallen könnte, sondern in ihrem langsamen Siechtum - ein Verfall, der die Berliner Republik verändern würde.

Unter drei Voraussetzungen kann es der Partei gelingen, sich zu erneuern: Sie muß ihre Lage und ihren Niedergang schonungslos analysieren; sie muß sich, da sie nun nicht mehr die Richtlinien der Politik bestimmen kann, endlich daranmachen, wieder die Themen und die Begriffe der öffentlichen Debatte zu prägen; und sie darf, dies vor allem, nicht einer vergangenen Epoche nachtrauern.

Erstens: Die Niederlage der CDU hat sich lange angekündigt, sie war die logische Konsequenz eines kontinuierlichen Niedergangs im Bund und in den Ländern; und sie traf eine politisch, personell und geistig erschöpfte Partei. Im Bund hat die Union in 16 Jahren Regierung fast 14 Prozent verloren. Ein Bundesland nach dem anderen ging an die SPD, jetzt auch Mecklenburg-Vorpommern.

Das lag nicht allein an den handelnden Personen. Einigen, wie Stoiber oder Biedenkopf, in gewisser Weise auch Teufel, gelang es, mit einem eigenständigen Profil den Trend zu wenden. Erst die sozialen Milieus, dann die Gesellschaft und nach 1989 das ganze Land haben sich gründlich verändert - mit der Folge, daß beide Volksparteien in Gefahr sind, sich auf einem niedrigeren Niveau zu stabilisieren. Aber erstaunlich ist schon, mit welch stoischem Gleichmut die CDU-Führung, allen voran Helmut Kohl, dem Niedergang der Partei zugeschaut hat: kein Aufbäumen; kaum Widerspruch; keine neuen Ideen oder Personen. Es ist dieser Verlust des Sinnes für die Wirklichkeit; die Weigerung zu sehen, was doch offensichtlich war; die Unfähigkeit, aus Niederlagen zu lernen, die das kollektive Abschlaffen der CDU über all die Jahre begleitet - und erklärt. Macht bedeutet, so hat der Politologe Karl W. Deutsch einmal notiert, nicht mehr hinhören zu müssen, weil man das Sagen hat. Der Kanzler und seine Partei haben die Macht lange und gründlich praktiziert.

Zweitens: Mit Helmut Kohl ist nun die letzte der drei "großen" Wende-Regierungen (Reagan in Amerika, Thatcher in Großbritannien, Kohl in Deutschland) abgewählt worden. Sie alle kamen um die gleiche Zeit, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, an die Macht; sie alle haben mit großen Posaunen eine ganz andere Politik, eine "geistig-moralische Erneuerung" verkündet. Doch Helmut Kohl war der einzige dieses konservativ-revolutionären Dreigestirns, dem die Wende-Rhetorik vor allem dazu diente, die Kontinuität des deutschen Korporatismus zu verdecken. Zu keiner Zeit hat er daran gedacht, den deutschen Sozialkompromiß, den "rheinischen Kapitalismus", aufzukündigen. Den Wohlfahrtsstaat hat er in seinem Kern nie angetastet.

Man mag Kohl dafür dankbar sein, daß er auch in schwierigen Zeiten den neoliberalen Sirenen widerstanden hat. Man mag sich aber auch fragen, wie es bei einer einstmals so realitätsnahen Partei wie der CDU dazu kommen konnte, daß sie vom Kanzler an abwärts fast ohne Ausnahme die neue Lage und die gesellschaftlichen Umbrüche einfach verdrängt hat. Wenn das Fundament der Vollbeschäftigung bricht, wanken auf Dauer auch die alten Gehäuse der sozialen Sicherheit.