Ein Mann ohne Frau ist wie ein Fisch ohne Fahrrad. Um Sprüche sind sie nie verlegen, diese Turiner Typen, oft zugekifft, jeden Abend besoffen und immer auf Achse. Sie versuchen unaufhörlich, ihr edles Ziel zu erreichen, nämlich "der Welt einen Sinn zu geben", und landen doch meist in versifften Buden und fremden Betten, voll und fix und fertig.

Vittorio, der junge Student und Held dieser alltäglichen Abenteuer, steht gleich am Anfang mal wieder auf der Straße. Seine Freundin hat ihn, ganz undramatisch, vor die Tür gesetzt. Als er frühmorgens nach einer der üblichen Sauftouren heimkam, lag ein Zettel auf dem Bett: "Pack deine Sachen und verschwinde aus meiner Wohnung. Leb wohl." Ernüchtert zieht er daraufhin Bilanz. "Also: Du bist jetzt vierundzwanzig, hast quasi Examen, quasi eine Arbeit, ein Bankkonto, das du gelegentlich durch Jobs in der Disko aufbesserst, ein Schrottauto ..." Die "Zusammenfassung der faden Ereignisse" lautet entsprechend: "Vierundzwanzigjähriger Dummkopf wird von seiner Freundin verlassen und aus der Wohnung geworfen, in der sie monatelang zusammengelebt haben." Er muß wieder zu seinen Eltern ziehen.

"Bleibt dir genug, um das Gewicht der Welt zu ertragen?" fragt Vittorio sich, und beim Anblick der Unendlichen Geschichte, auf Video, schreckt ihn "die Warnung einer hohlen Stimme: ,Das Nichts kommt näher.'"

Enrico Remmert porträtiert in diesem kleinen Roman seine Generation. Remmert ist 1966 in Turin geboren, hat politische Wissenschaften studiert und in, wie es heißt, Kommunikationssoziologie promoviert. Er arbeitet im Marketing einer Kosmetikfirma und hat bereits einige Erzählungen veröffentlicht.

Für seinen ersten Roman Looove never dies, 1997 in Italien erschienen, bekam er gleich mehrere Preise. Zu Recht. Denn er beschreibt, ziemlich treffsicher, das gegenwärtige Lebensgefühl seiner Altersgenossen. So wie eine Generation vor ihm, zum Beispiel, Andrea de Carlo, sein Landsmann, die Mailänder Schickeria beschrieben hatte. Und so wie einige Generationen vor ihm die damals jungen Amerikaner sich das Etikett der Lost generation verdient hatten.

An der Straßenecke heißt ein Gedicht von Kenneth Patchen, das mit den Versen beginnt: "Im nächsten Jahr wird die Erde uns bedecken. / Jetzt stehen wir hier und sehen den Mädchen, / Die vorbeikommen, nach und lachen. / Wir wetten auf langsame Pferde und trinken billigen Gin. / Wir haben nichts zu tun; nichts, wo wir hingehen könnten; keiner." Das Lebensgefühl dieser verlorenen Generation ist von Enrico Remmert im Turin des letzten Jahrzehnts wieder aufgespürt worden. Von der Straßenecke haben sich die Typen in die Kneipe verzogen. Sie trinken kaum Gin, dafür Whiskey, mit Vorliebe Bourbon, und vor allem kiffen sie sich bis zum Anschlag zu. Ecstasy, LSD und, nicht nur im Fall einer achtzehnjährigen Giulia, auch Heroin. Ein hübsches, pfiffiges Mädchen, das zu Recht vermutet: "Ich glaube, du bist auf derselben Insel gestrandet wie ich." Nachdem Vittorio aber die "zwei Einstiche auf ihrem linken Arm" gesehen hatte, ahnt er schon, daß er Giulia, trotz ihrer verzweifelten Bitten, nicht helfen, ja daß niemand mehr helfen kann. Sie endet folgerichtig in einem Treppenhaus, tot auf einer Stufe hockend.

Im Grunde will Remmert die altehrwürdige Sinnfrage stellen. Er versucht, sie als Gag zu verkleiden. So läßt er seinen Helden immer mal wieder überraschte Passanten fragen: "Entschuldigen Sie, aber was hält Sie eigentlich am Leben?"