In Moskau haben sie einen Lenin aufgegessen. Einen Lenin als Torte." Wir schauen gerade in die Auslage einer Bäckerei in dem kleinen märkischen Städtchen Neuruppin. Im Fenster steht zwar keine Torte, aber neben einem großen runden Partybrot ist eine Fontane-Büste aus Marzipan zu sehen, ein Zettel daneben nennt die Schöpferin: Heike Stoye, erstes Lehrjahr.

Am 20. September war es genau 100 Jahre her, daß der 1819 in Neuruppin geborene Theodor Fontane starb. Am 20. September endete offiziell auch das Fontane-Jahr in Neuruppin. Vielleicht erlaubt der Ausverkauf noch manches Schnäppchen für die Fontane-Fans, sei es nun beim Fontane-Wein (TH.F.), dem Fontane-Spiel (Neuruppiner Fontane-Spiel), den Fontane-Mützen und Fontane-Münzen, den Fontane-Krawatten (uringelb, mit der Aufschrift "Ignoranz ist noch keine Toleranz") oder bei den Fontane-Büchern aus der Fontane-Buchhandlung, vielleicht sogar beim Marzipan-Fontane, über den wir gerade staunen.

Eine ganze Stadt fontanisiert, das wird wohl nur langsam abklingen. "Selbst Schinkel ist Fontane", resümiert die Neuruppinerin, die uns vor die Bäckerei geführt hatte, das Fontane-Jahr.

Karl Friedrich Schinkel gilt neben Fontane als der zweite große Sohn der kleinen Stadt Neuruppin. Sein Denkmal steht sogar ziemlich im Stadtzentrum, während sich Fontane, als rastender Wanderer dargestellt, mit einem Platz an den alten Wallanlagen begnügen muß.

Das mit dem Lenin als Torte hatte unsere Neu-Neuruppinerin - seit Januar lebt sie hier - vor ein paar Tagen in der Zeitung gelesen. "Einen Lenin hatten wir auch", ergänzt sie, "allerdings einen zum Zähneausbeißen." Sie zieht uns ein paar Schritte weiter - in Neuruppin ist alles nur ein paar Schritte weit - von der Bäckereiauslage weg zum Postplatz. Dort steht ein alter Sockel mit einer alten Inschrift und einer modernen Plastik drauf. Die Anlage ist mit einem Zaun aus Gußeisen umgeben, als handele es sich um ein Heldendenkmal mit viel Platz für vaterländische Gesinnung.

Bei näherem Hinsehen erweist sich die moderne Skulptur auf dem Sockel jedoch als ein Metallband, das nur den Umriß der künftig hier stehenden Plastik andeutet, ein Provisorium also.

Hier erzählt unsere Neuruppinerin eine dieser typischen DDR-Geschichten, wie wir sie auch aus Leipzig, Letschin, Lauchhammer oder anderswo gehört haben: 1787 war der große Neuruppiner Stadtbrand, 1829 weihten die Neuruppiner ihr Denkmal der Dankbarkeit für ihren königlichen Wiederaufbauhelfer Friedrich Wilhelm II. ein. 1947 verschwand die Figur im Gefolge des allgemeinen Denkmalstürzens und war 40 Jahre später trotz militärischer Unterstützung und Einsatzes eines Detektors nich t mehr auffindbar. Die Inschrift landete im Museum, der Sockel am Stadion, wo er geduldig einen Lenin aus Bronze trug, mit erhobenem Arm.