Ohne das Luminar wäre der Mann an der Zeitmauer an Langerweile gestorben. Denn wann immer der Held in Ernst Jüngers Roman Eumeswil Heimweh nach Geschichte hatte, rettet ihn das Fernrohr in die Vergangenheit. Wie auf Kommando ließ das seltsame Gerät die genialischen und exzeptionellen Epochen der Weltgeschichte vor dem Auge des tatenlosen Betrachters vorüberziehen. Während sich die stationäre Gegenwart in die Unendlichkeit dehnte, befriedigte das Luminar die Sehnsucht nach dem revolutionären Augenblick und dem Einbruch historischer Zeit.

Im Zenit seiner Amtszeit war der Politiker aus Oggersheim einmal beim Schriftsteller in Wilflingen zu Gast. Im alten Forsthaus sagte Jünger dem Kanzler einige Artigkeiten und zeigte ihm die Memorabilien der Vergangenheit, den durchschossenen Stahlhelm, die Sammlung letzter Worte, viele tote Schmetterlinge und aufgespießte Käfer aus aller Herren Länder. Damals feierte der Feuilleton-Troß des Kanzlers die Stunde der nationalen Empfindung und warf sich in den Staub der eigenen Demut. Und noch ehe sich das Ereignis recht eigentlich ereignete, hatte es sich schon verwandelt - in Geschichte. In dieser Kunst war Jünger der einsame Meister. Im Handumdrehen verwandelte er chronologische Zeit in geometrische Ordnung, in Schreibordnung, Schmetterlingsordnung, Tagesordnung, Lebensordnung, Geschichtsordnung. Bevor ihn eine Erfahrung ein zweites Mal verwunden konnte, kämpfte er sie in der Arena seiner Tagebücher nieder und beerdigte sie im Grab der Schrift. Für den späten Jünger war alles Schreiben eine Autopsie des Augenblicks. Geschichte? Davon haben wir genug gehabt. Panisch suchte er das Alte im Neuen, das Ewige im Augenblick und das Unzerstörbare im Flüchtigen. Quod semper quod ubique ...

Jünger sagte Geschichte, Kohl sagte Geschichte, und beide wurden Freunde. Jünger war der Paläontologe der Gegenwart, Kohl ihr Machthaber. Beiden kam DIE GESCHICHTE aus der Zukunft entgegen, auf Stelzen und in Großbuchstaben. Auch der Kanzler, der immer von seiner Liebe zum historischen Buch prahlte, sprach nur von "der" Geschichte - als gebe es Geschichte nur im Singular, als Zeichen des Schicksals am Himmel über dem Adenauerhaus. Auch Kohl war ein Verwandlungskünstler. Noch während der historische Augenblick geschah, egalisierte Kohl ihn zur tragbaren Erinnerung. Das erklärte den Ausdruck geistiger Abwesenheit in großen Augenblicken. Nur einmal, 1989, gab es die Sicht auf ein weites Feld und die Erwartung einer freien Tat. Aber das Ereignis durfte keine Zukunft eröffnen, sondern nur eine Vergangenheit beschließen. Die nackte Revolution kletterte über die Zeitmauer, und Kohl war erleichtert. Sie trug den Mantel der Geschichte.

Geschichte? Den Revolutionären von Paris hat Ernst Jünger im Mai 1968 den verrückten Satz nachgerufen, sei seien blind für die "Grundtatsachen" der Gegenwart. Es gebe keine Geschichte mehr, nur das Heimweh nach ihr, wie eine "Trauer gleich der des Achill an der Leiche des Patroklus". Das war Jüngers reaktionäres Saxophonsolo, das alle Hoffnung auf Utopie, jeden Wunsch nach Veränderung sofort zur mythischen Zeit versteinerte. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, und "am Ende muß der Held Jeans tragen wie alle Welt". Auch Kohl war die Taktik der Desillusion auf den Leib geschrieben, und meist endete sie im Zynismus des Gewöhnlichen. Wer Heimweh nach Geschichte hat, der frage das Luminar.

Nichts hat die jungkonservativen Ästhetizisten mehr in Rage gebracht als Kohls Erwartungsstarre, die satte Historisierung des politischen Augenblicks. Kohl steht in der Küche und verteilt die Stullen, immer dieselben. Es flattert ein Blatt von der Rolle der historischen Zeit, aber es flattert auch wieder zurück. Der Kanzler murmelt einen Satz, und es war konkrete Anästhesie. Kohl, sagten die Kritiker, war der Polier an der Zeitmauer. Fremd sei ihm jene konservative Ironie gewesen, die disparat zur Gegenwart steht und dem gelebten Leben Vorrang gibt vor den Taten der Politik.

Den Bösartigkeiten der Gegner entspricht die Devotion seiner Verehrer. Kohls fußläufige Biographen suchen in der Wüste des Ausharrens nach mythischen Spuren. Sie fahnden nach Glanz und historischer Größe; andere zählen die Maschen seiner Strickjacke, die er im Märchenwald mit Gorbatschow zur Schau getragen hat. Vielleicht folgen alle dem Fehlläuten der Nachtglocke. Vielleicht hat Kohl die antiquarischen Menschen in die falsche Himmelsrichtung geschickt. Vielleicht hat er vom historischen Mythos nur deshalb monoton geredet, um ihn mit einem mythischen Trick zur Strecke zu bringen. Dann hätte er mit der Staffel seiner gesättigten Phrasen "die Geschichte" nur gejagt, damit sie sich nie mehr ereignet. So war es nicht Bewunderung für die Geschichte, sondern legitime Furcht vor ihrem zweideutigen Augenblick. Diese Lektion der Geschichte war das Geheimnis seines Erfolgs und der Schlüssel seiner Niederlage. Geschichte? Davon hatte es in diesem irrsinnigen Jahrhundert schon genug gegeben. Das Neue muß das Alte sein. Sichern wir die Bestände. Zuletzt vertrieb Kohl sogar die Gespenster, die er selbst gerufen hatte. Berliner Republik? Um Himmels willen.

Sechzehn verweht, Abschied am Jägerzaun. Für den Fall, daß er sich selbst zum Schicksal werden sollte, hat Jünger dem Kanzler noch das Geheimnis der Heiterkeit verraten. Kohl kannte es schon, denn es war sein eigenes. Wenn alle Zukunft immer schon Vergangenheit ist, dann gibt es keine Niederlage. Auch eine verlorene Wahl ist Geschichte, und Kohl kann sagen, er sei dabeigewesen. Gerichtet. Und gerettet.