Auf die Inszenierung kommt es an, nicht auf den Inhalt. Wie man Kanzler machen kann, so auch Bücher. Während der Wahlkampf lief, ließ der Eichborn Verlag einen Roman über Gerhard Schröder schreiben und inszenierte eine hübsche Aktion drum herum: Der Autor, dessen Name lange geheimgehalten wurde, sollte das letzte Kapitel am Wahlabend schreiben; Druck noch in derselben Nacht; Auslieferung am Tag danach. Zwei Titel waren geplant: Der Kanzler und Der Mann, der zuviel wollte. Nun ist der Kanzler da, das Buch ist schlecht geworden.

In Amerika liefert die Politik Geschichten, die niemand erfinden könnte. In Deutschland liefert die Politik Geschichten, die niemand erzählen sollte. Solange der Autor ohne Phantasie auszukommen meint, muß ein Roman über deutsche Politik langweilig werden. Rainer Stephan, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, leiert das Leben des Friedrich Redder auf 230 Seiten herunter, brav chronologisch, alle Frauen, alle Ämter. Redder soll Schröder sein, aber er ist nur das Klischee davon: machtbesessen, intellektuell nicht ganz auf der Höhe. In jedem Porträt, das die Zeitungen vor der Wahl gedruckt haben, war mehr über Schröder zu erfahren als in diesem Buch. Und jeder Leitartikel analysiert den politischen Betrieb treffender als Stephan, der sich seine Politikerverdrossenheit von der Seele schreibt.

Das Buch nennt sich Entwicklungsroman, ist aber nur eine Biographie mit satirischen und kommentierenden Elementen. Autor und Verlag lockte wohl der Erfolg von Mit aller Macht, einem Roman über die Clintons. Doch der ist spannend und changiert geschickt zwischen Realität und Erfindung. Stephan hätte genauer hingucken sollen. Er ist ein guter Journalist, mit diesem schnell hingeschriebenen Buch hat er sich keinen Gefallen getan.

Am Ende gerät sogar die Inszenierung schief. Der Kanzler wurde in der Wahlnacht in einem Bonner Theater vorgestellt. Höhepunkt sollte ein Telefongespräch mit Stephan sein, nachdem er die letzte Zeile geschrieben hatte. Doch es meldete sich nur der Anrufbeantworter. Schröder wäre das nicht passiert.

Rainer Stephan: Der Kanzler Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1998; 230 S., 29,80 DM