Deutschland leidet am Reformstau, hört man überall. Aber was heißt hier eigentlich leiden? Das Ergebnis des Volksbegehrens in Schleswig-Holstein gegen die Rechtsschreibeform nährt den bitteren Verdacht, daß sich der allgemein beklagte Reformstau langfristig geradezu als Standortvorteil erweisen könnte. Die Rechtschreibreform nämlich liefert reichlich Anschauungsmaterial dafür, was mit einer Reform in Deutschland geschieht, die aus dem Stau ausschert und endlich in die Gänge kommen will.

Zunächst stutzt man sie zurecht, damit alle 16 Kultusminister ihr zustimmen können. Das hat rund 50 Jahre gedauert. Dann wird sie - inzwischen zu einem eher unansehnlichen Reförmchen heruntergekommen - überfallartig verabschiedet. Anschließend wird sie von der Öffentlichkeit als Manifest kultusministerieller Willkür, als Ausdruck vergangener "Pickelhauben-Attitüde" verteufelt, gleichzeitig von Sprachwissenschaftlern zerredet und von Bürger- und Elterninitiativen für den endgültigen kulturellen Verfall des Abendlandes verantwortlich gemacht. Und schließlich - so geschehen am vergangenen Wahlsonntag - wird sie wieder abgeschafft.

Vorerst zwar nur in Schleswig-Holstein, doch die Gegenreform regt sich bald auch in Berlin und möglicherweise auch in Bayern. "Wir gegen die Rechtschreibreform" heißt die Initiative, nicht etwa: "Wir gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall". Nicht gegen überalterte und erschöpfte Studienräte, gegen Drogen auf den Schulhöfen und Schülergewalt fühlt das Volk sich zum Entscheid gedrängt, sondern durch Fragen wie die, ob das Känguruh und das Joghurt ein h haben dürfen oder müssen.

Rund 90 000 Grundschüler im nördlichsten Bundesland müssen nun schleunigst vergessen, was sie längst zu lernen angefangen haben; schlimmer noch: Sie müssen das Alte neu lernen - und dies aus Büchern, in denen nur noch das Neue steht. Daran kann jetzt kein Gericht und kein Gesetz etwas ändern.

Die Schulbuchverlage müßten künftig Sonderausgaben für die Sprachinsel Schleswig-Holstein drucken (was sie nicht wollen). Eltern mit schulpflichtigen Kindern aus dem Rest der Republik werden den Umzug nach Norden tunlichst vermeiden, und umgekehrt werden Schleswig-Holsteiner mit Erstkläßlern in ihrer Familie die nächsten 12 bis 13 Jahre besser im Lande bleiben.

Und die notwendigen Reformen in Deutschland? Damit ihnen nicht ein ähnliches Schicksal widerfährt wie der Rechtschreibreform, verharren sie am besten dort, wo sie längst sind: im Stau.