Es war einmal ein Australier, der hatte eine merkwürdige Versicherung abgeschlossen. Der unwahrscheinliche Fall trat tatsächlich ein, und von der beträchtlichen Prämie kaufte er sich ein bedeutendes Grundstück, einen Grund, auf dem er - zunächst fast beiläufig, dann aber mit Eifer und System - alle Arten und Unterarten von Eukalyptusbäumen pflanzte, deren er habhaft werden konnte. Er wurde der größte Kenner, sozusagen naturgemäß, von Eukalyptusbäumen weit und breit.

Und er hatte eine Tochter. Die war schön, und nicht irgendwie schön, sondern sie war eine "gesprenkelte Schönheit", wie gesagt wird ("Glory be to God for dappled things", heißt es beim großen Hopkins): Alle schauten auf sie. Da beschloß ihr Vater, der erkannte, daß eine Wahl getroffen werden mußte (oder wird nur erzählt, wie erzählt werden muß?): Alle Freier kehren un- oder schlecht verrichteter Dinge wieder um (Dornröschen, Dornröschen), bis der eine kommt, der vom Fach ist, der alles weiß.

Mittlerweile freilich weiß auch die Tochter, sie heißt Ellen, was da mit ihr geschieht: daß da ein anderer, und sei es ihr Vater, bestimmt, mit wem sie ihr Leben teilen soll. Und in diesem und keinem anderen Augenblick tritt der Prinz auf, daß heißt, er tritt gar nicht auf, er liegt, rothaarig und schlafend zusammengerollt, unter einem Baum (einem Eukalyptus natürlich). Auch er versteht viel von diesen Bäumen, ihn aber stiften sie zu Geschichten an, vielen Geschichten, die erzählt werden, als seien sie aus dem Stand erfunden, und das sind sie ganz offenbar auch. Was also der eine mit System herbetet, das bringt der andere (der Eigentliche, der natürlich der Autor-Stellvertreter ist) von Baum zu Baum zum Leben. Und bezaubert damit die Gesprenkelte, und das so sehr, daß sie krank wird, als er sich eine Weile nicht mehr zeigt, sehr krank. Wie's dann weitergeht, das kann man sich wohl denken, jedenfalls, wenn sie nicht gestorben sind und heute noch leben sollten, dann, das haben wir verstanden, nur aus Höflichkeit gegenüber dem Leser.

Geschichten wie ein Teller frischer Erdbeeren Ein Märchen also, eine Geschichte voller Geschichten, tausendundeine Geschichte oder doch fast, und wenn Murray Bail auch kein begnadeter Geschichtenerzähler ist, erfindungsreich ist er schon. Was aber auch heißt, daß manches auf Teufel komm raus erfunden und zu Ende erzählt wird, also "irgenwie": Es wäre doch gelacht, das heißt, wirklich traurig, wenn man etwa aus einem Angestellten der Eisenbahngesellschaft, einem Kanarienvogel und einer deutschen Klavierlehrerin keine Geschichte basteln könnte. Man kann nicht nur, man muß geradezu, denn war nicht das Allertraurigste die Sache mit der Frau, deren heimlicher Liebhaber starb, und sie durfte niemandem von ihrer Liebe erzählen? Aber vielleicht ist das Allerallertraurigste ja doch nichts anderes als das gnadenlose Weitererzählen ohne Rücksicht darauf, ob der Kanarienvogel wirklich auf der Schulter der Klavierlehrerin sitzen will. Er muß.

Statt uns also endlich zu sagen, was es mit diesem Arboristen und Baumsammler wirklich auf sich hat, statt aus seiner Tochter endlich eine Frau zu machen, bei der es sich wenigstens lohnt, sie verstehen zu wollen, statt uns etwas über Vater-und-Tochter-Sachen beizubringen, wird uns eine Geschichte nach der anderen aufgetischt, wie ein Teller frischer Erdbeeren nach dem andern: Erst sind sie unwiderstehlich, dann einfach süß und schließlich immer wieder, na was schon , Erdbeeren halt.

Es ist gewiß ein reizvoll gemachtes und ebenso gewiß kein bedeutendes Buch, das da aus Australien zu uns kommt. Es hat aber in all seiner für heutige Verhältnisse typischen Erzählmunterkeit eine schöne Qualität, die uns eigentlich die ganze Zeit bei der Sache bleiben ließ, und das sind nicht die eingestreuten Gescheitheiten über Spiegel, Reisen et cetera, das ist vielmehr seine Sinnlichkeit. Gewiß, wenn über viele, viele Seiten unentwegt von Bäumen die Rede ist, und zwar von ganz bestimmten, botanisch Bestimmten, dann bekommen wir schon ein Gefühl für Blüte, Blatt und Rinde, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, ob es diese Bäume auch wirklich gibt. Botanik ist, wie alle naturwissenschaftliche Deskription, immer von trockener, aber intensiver Sinnlichkeit.

Unter den vielfältigen Methoden, einem Text jede Sinnlichkeit auszutreiben, zählt zu den bewährtesten sicher die ständige Verwendung von besonders saftigen, um nicht zu sagen fleischigen Vokabeln. Diesen Fehler macht Bail nicht, seine Sinnlichkeit ist geradezu sandig und durchaus nachhaltig. Vielleicht, weil sie keinen direkten Zusammenhang mit ihrer Umgebung sucht, letztlich für sich steht und also auf schöne Art bedeutungslos bleibt. Anschaulich wird damit eine Philosophie der Isolation, die erst das einzelne wirklich zum Glänzen bringt: "Er hieß Holland. Mit seiner Tochter, seinem einzigen Kind, lebte Holland auf einem Anwesen, das an einer Seite von einem ockerfarbenen Fluß begrenzt wurde." Punkt, Absatz. Ockerfarben.