Ein großes Rätsel ist immer noch die Frage nach der geistigen Heimat dieses außergewöhnlichen Dirigenten. Wo war der spirituelle Ort, an dem sich seine musikalischen Ideen zunächst zur Vorstellung und dann erst zum Willen festigten? Gab es ihn überhaupt? Oder existierte sein Weltbild der Tonkunst immer nur in diesem einen Moment, in dem sich Musik gleichsam selbst neu erfand und erzählte - im Konzert?

Sergiu Celibidache: Von 1945 bis 1952 leitete er die Berliner Philharmoniker, als Wilhelm Furtwängler sie nicht dirigieren durfte. Dann war er der rastlos in der Welt umherreisende Dirigent, den es an keinem Ort lange hielt. Schließlich war er von 1979 bis zu seinem Tod vor zwei Jahren Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Vieles hat der 1912 geborene Rumäne zu jener Heimat gesagt; er hat ihr ein sprechendes Haus aus Philosophie und Gesetzen gebaut; er hat auch die Statik der tönenden Materie nie zu erwähnen versäumt. Vieles in diesen verbalen Einlassungen ist explosiv und erhellend, einiges verschroben und anfechtbar. Es handelt sich um privateste Lehre - etwa die These, daß der Klang noch vor der Musik sei. Die Bestimmtheit, mit der Celibidache derlei formulierte, mochte man herrisch, ja despotisch finden. Aber er konnte und wollte nicht anders.

Die feierlichsten Räume dieses klingenden Hauses waren fraglos Anton Bruckner vorbehalten. Wenn Celibidache sie im Konzert betrat, sprangen manchen Mitbesucher immer gleich Gedanken an Gottesdienstliches an. Diese Andacht! Diese Weihe! Diese Metaphysik! Dieses Hohepriestertum! Es ging bisweilen sehr langsam zu, wenn Celibidache - für manche war er ein Abgott - diese Bruckner-Räume öffnete, in denen die Zeit abermals zum Raum wurde. Man spürte die Scheu vor dem Übergang zu einem Seitenthema, man spürte den seidigen Glanz der Verfeinerung, man spürte das Gelöbnis, allen Details durch großzügig-genaues Musizieren einen unverrückbaren Platz im symphonischen Kosmos zu sichern. Aber das Haus war ihm so kostbar und heilig, daß er nur persönlichen Besuch duldete. Celibidache verhängte sein berüchtigtes Schweigegebot: Keine CDs! Man war genötigt, sich zu erinnern.

Trotzdem wurden die Münchner Konzerte allesamt mitgeschnitten, offiziell nur zu Archivzwecken. Und weil Celibidache sie in seinem Testament nicht erwähnte, haben Familie und die Münchner Philharmoniker sie zur Veröffentlichung freigegeben. Nach einem ersten CD-Paket mit Werken von Haydn bis Debussy wird das Schweigegebot jetzt mit einem neuerlichen Prachtkasten der EMI gebrochen - und damit die Theorie des Meisters abermals außer Kraft gesetzt, daß Musik nur im Konzertsaal existiert. Gegen den Bann wird ein Gegenbann gesetzt: Heiliges gehöre der Ewigkeit, Wahrhaftiges behalte seine Gültigkeit. Die Gefahr, daß sich singuläre Aufführungen durch ihre Reproduzierbarkeit nachträglich selber entzaubern, wurde einkalkuliert. So kommen jetzt Bruckners Sinfonien Nr. 3 bis 9, das Tedeum und die f-moll-Messe über uns, und wieder stehen die vokalen und instrumentalen Qualitäten seiner Musiker außerhalb jeder Diskussion.

Somit ist für die Musikfreunde, die ihn nicht live erlebt haben, eine neue Gegenwart, eine neue gedankliche Auseinandersetzung mit Celibidache entstanden - Realität ohne Erinnerung. Für die anderen, die ihn erlebt haben, bleibt der Mythos an das Charisma seiner Erscheinung gebunden. Sieht man beim Hören nicht immer wieder diesen alten, gebrechlichen Mann vor sich? Wie er mit den Brauen tyrannisierte, wie er sorgenvoll ein Schnütchen zog, wie seine Augen die Musiker wie liebe Kinder segneten, wie er urig fuchtelte mit den plötzlich leicht und beweglich wedelnden Armen? Vor solch sentimentalen Anwandlungen ist man nicht geschützt. Aber man entkommt ihnen ein wenig, indem man sich spröde stellt, zuhört und sich fragt: Was macht Celibidache, und wie macht er es?

Wenn Celibidache das Adagio der 7. Sinfonie E-dur dirigiert (in der Aufnahme von 1994), begreift er es herrlich genau: "sehr feierlich und sehr langsam". Er läßt die Streicher singen, das scheint hier beinahe einfach, aber selbst die wunderbaren Münchner Philharmoniker haben es unter ihm schwer lernen müssen. Doch kommt dieser Gesang nicht bescheiden daher, er sehnt sich, streckt sich, will weiter. Celibidache aber drängt jetzt keineswegs, er beharrt auf der Ruhe; er spannt die biegsame Kurve der Melodie gegen die unbeugsame Gerade der Zeit. So gesellt sich zur Musik die Kunst, sie aushalten zu können. Kein Mensch fragt jetzt noch nach dem Tempo.

Manchmal entgeht Celibidache, daß er die Bögen überspannt. Wenn er Bruckners satzinterne Blöcke gegeneinander stellt, positioniert er nicht nur die Scheinwerfer wie ein Regisseur für neues Licht, er legt mitunter auch die Tempiwechsel extrem an. Extremer, als es selbst der liebe Gott erlauben würde (der Bruckners allererster und in der Neunten allerletzter Widmungsträger war).