München im Herbst des Jahres 1948, zur Zeit des Oktoberfestes. Unter dem prasselnden Beifall von sechshundert Zuschauern wird der ehemalige Generalstabschef des Heeres Franz Halder von der Münchner Entnazifierungs-Spruchkammer X als "nicht belastet" freigesprochen. Ein Urteil, das weit über Person und Fall hinausgeht - denn: "Hier hat nicht nur Halder auf der Anklagebank gesessen, sondern der gesamte deutsche Generalstab", befindet der Gutachter Karl Reichert, "und dieses Offizierskorps ist mit diesem Prozeß rehabilitiert."

Zum erstenmal bekommt eine erstaunte Weltöffentlichkeit aus erster Hand bestätigt, daß zehn Jahre zuvor eine militärische Widerstandsgruppe (Halder, Oster, Witzleben) versucht hat, Deutschland durch einen Staatsstreich von der Gewaltherrschaft Hitlers zu befreien. In letzter Minute war das Vorhaben durch die überraschend einberufene Münchner Viermächtekonferenz vereitelt worden: England, Frankreich und Italien zwangen die Tschechoslowakei, das Sudetenland an Deutschland abzutreten. Der Friede in Europa war noch einmal gerettet, der Staatsstreich wurde abgeblasen.

Neben dem Attentat vom 20. Juli 1944 steht Halders Putschplan als ein mutiges Beispiel militärischen Verantwortungsbewußtseins - ganz nach dem Ideal, das sein Vorgänger, der Generaloberst Ludwig Beck, von vorbildlichen Offizieren gezeichnet hat: "Ihr soldatischer Gehorsam hat eine Grenze, wo ihr Wissen und ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbieten."

Vor einiger Zeit nun haben jüngere Forscher angekündigt, dieses bekannte Kapitel des "militärischen Widerstandes" neu werten zu wollen. Warum? Stimmt etwas nicht an den dramatischen Geschichten aus dem Krisensommer 1938, wie sie noch immer in den Standardwerken der Widerstandsliteratur und in den Schulbüchern ausgebreitet werden und wie sie auch der Autor selber des öfteren guten Glaubens wiedergegeben hat? Sind sie vielleicht blühender Phantasie entsprungen oder gar nur zu dem Zweck erfunden worden, vom Vernichtungskrieg der Wehrmacht abzulenken?

Den gängigen Geschichtswerken zufolge hat sich, kurzgefaßt, folgendes zugetragen: Am 28. Mai 1938 verkündete Hitler den Militärs seinen "unabänderlichen Entschluß, die Tschechoslowakei ... durch eine militärische Aktion zu zerschlagen". Endtermin der Vorbereitungen: 1. Oktober 1938. Er rechnete nicht mit einem Eingreifen der Westmächte, hätte notfalls aber einen Zweifrontenkrieg riskiert. Die Warnungen der Militärs schlug er in den Wind.

Daraufhin bildete sich eine Fronde aus höheren Offizieren des Heeres, Mitgliedern der Abwehr (des militärischen Geheimdienstes) und Nazigegnern im Auswärtigen Amt und in der Polizei. Da die große Mehrheit des Volkes, zumal nach der "Heimkehr" Österreichs ins Deutsche Reich, hinter Hitler stand, sollte das Startsignal für den Putsch erst gegeben werden, wenn die deutschen Soldaten die tschechische Grenze überschritten und die Kriegserklärungen der Westmächte die Bevölkerung schockiert hatten. Truppen aus Potsdam, Landsberg an der Warthe und eine Panzerdivision aus Thüringen sollten unter dem Kommando des Berliner Generals und Militärbefehlshabers Erwin von Witzleben die Hauptstadt besetzen und alle wichtigen Zentren - Rundfunksender, Telekommunikationsanlagen, Polizeidienststellen und SS-Kasernen - unter ihre Kontrolle bringen. Hitler wollte man verhaften und entweder wegen seiner Verbrechen vor Gericht stellen oder mit Hilfe eines Gutachtens, das der Psychiater Professor Karl Bonhoeffer ausstellen sollte, für geisteskrank erklären.

Einige der Verschwörer planten, noch weiterzugehen: Unter dem Befehl des Abwehroffiziers und ehemaligen Freikorpskämpfers Friedrich Wilhelm Heinz würde ein Stroßtrupp aus zwanzig bis dreißig jungen Offizieren, Arbeitern und Studenten in die Reichskanzlei eindringen, wo ihnen Legationsrat Erich Kordt die große Doppeltür öffnen wollte. Man beabsichtigte einen Zwischenfall zu konstruieren, bei dem Hitler erschossen würde.