Während die Wähler daheim mit dem Stimmzettel schon dabei waren, die Ära Kohl zu beenden, durfte der deutsche Wirtschaftsminister am Wochende in Wien ein letztes Mal Positionen verfechten, die nun wohl obsolet sind. Beim informellen Treffen der EU-Wirtschafts- und Finanzminister stritt Günter Rexrodt mit den Kollegen aus Frankreich und Belgien um zwei gewichtige Fragen: Wer soll die Euro-Zone eigentlich beim Internationalen Währungsfonds und auf den G-7-Treffen vertreten - allein ein Gesandter der Europäischen Zentralbank (EZB) oder auch ein Finanzminister aus Euro-Land? Und wie sollen die Beziehungen zwischen der EZB und den Euro-11-Ministern ausgestaltet werden, wieviel Einfluß darf die Politik auf die Notenbanker nehmen?

Hinter dem Kompetenzengerangel steckt die Frage, wie viele Dimensionen die Wirtschafts- und Finanzpolitik der neuen Euro-Zone nach innen und außen haben, wie politisch sie eigentlich sein wird. Soll eine nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank operierende EZB die Politik eindimensional auf die Stabilität des Geldwertes festlegen können - auch in Zeiten von Nullinflation? Oder sollen Wachstum und Beschäftigung ernstgenommene Ziele einer Euro- und womöglich weltweit koordinierten Politik sein? Sollen Bankbürokraten die großen Linien der Politik bestimmen oder politisch legitimierte Minister?

Seit Maastricht hat sich die französische Regierung dafür stark gemacht, den Stabilitätsfetischisten in Bundesbank und EZB als Widerpart eine Art europäische Wirtschaftsregierung gegenüberzustellen. Gleichzeitig forderte Paris eine starke Euro-Rolle gegenüber dem Dollar und Washington. Holland und die Bundesrepublik standen dem stets skeptisch gegenüber. Zugleich sperrten sich die kleineren Euro-Länder gegen eine politische Vertretung nach außen, weil sie annehmen mußten, daß Deutsche, Franzosen und Italiener die für sich reservieren würden. Deshalb war es wichtig, daß Frankreichs Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn in Wien Sympathie für einen Vorschlag Belgiens zeigte, nach dem auch die Finanzminister der kleinen Länder bisweilen den Euro auf der großen Bühne der Weltwirtschaftsgipfel repräsentieren dürfen.

Seit Montag dieser Woche weiß Strauss-Kahn, daß er im künftigen deutschen Finanzminister einen Verbündeten für seine Absichten haben wird - erst recht, wenn der Mann Oskar Lafontaine heißen sollte. Der Glückwunsch zum Wahlsieg aus Paris war deshalb besonders herzlich. Das alles wird nicht bedeuten, daß die Europäische Zentralbank keine Stabilitätspolitik mehr betreiben, womöglich gar von Politikerweisungen abhängen wird. Aber es wird in Europa eine ganz andere öffentliche Auseinandersetzung über die richtige Geld- und Finanzpolitik geben - zum Nutzen der Bürger. Was wir sehen werden, könnte nicht weniger sein als die Wiederbelebung der Wirtschaftspolitik.