Diese Woche, am Beginn des (jüdischen) Jahres, einer Zeit privater und öffentlicher Selbstbesinnung, ist mir die komisch anmutende Frage gekommen: Gibt es heute irgendwelche Israelis, die mit ihrem Leben zufrieden sind? Und weiter - wie ist es gekommen, daß die israelische Wirklichkeit sich vor allem als deprimierendes Konglomerat von Kompromissen, Ängsten, Apathie und Fatalismus darstellt? Und diese mehrheitlich gewählte Regierung - wen repräsentiert sie eigentlich?

Mit anderen Worten: Gibt es derzeit Israelis - wenigstens eine Handvoll auf der Linken oder auf der Rechten -, die ihre Stimme einem Politiker geben würden, der ihnen die jetzige Wirklichkeit verspräche?

"Wir haben ein wunderbares Land", tönt Ministerpräsident Netanjahu bei jeder Gelegenheit. Recht hat er: Wir haben tatsächlich ein wunderbares Land - aber warum wirkt es wie ein verwehter Traum? Und wie kommt es, daß fast jede größere Gruppe im Staat - Religiöse, Freidenker, Siedler, Anhänger von "Frieden jetzt", Einwanderer aus Rußland und aus Äthiopien, Ultraorthodoxe, Arbeitslose und israelische Araber - sich jeweils als verfolgte Minderheit unter einem feindseligen Regime betrachtet? Und warum haben so viele Israelis das Gefühl, zwischen ihnen und ihrem Land tue sich ein immer größeres Vakuum der Leere und Fremdheit auf?

Dieses Vakuum muß etwas Hypnotisierendes an sich haben: Mehr als fünf Millionen Menschen werden fast sang- und klanglos darin aufgesogen - ohne übermäßig lauten Protest, ohne häufige Massendemonstrationen, ohne Mahnwachen an jeder Straßenkreuzung, ohne einzelne Hungerstreikende oder jedweden anderen Akt zivilen Ungehorsams (ja, sogar ohne eine einzige nennenswerte satirische Fernsehsendung). Aber das Gefühl der Versäumnis brodelt ohne Unterlaß. Und eben auch das Empfinden, etwas Großes und Seltenes zerrinne einem unwiederbringlich zwischen den Fingern. Vielleicht werden die Israelis deshalb von Jahr zu Jahr mürrischer und verbissener, behandeln einander mit einer ganz bestimmten Art von Feindseligkeit, wie Zellengenossen im Gefängnis, wie Partner eines scheiternden Unternehmens.

Wie wenig Sympathie und Verständnis bringen wir für andere Israelis auf, die nicht unserer "Gruppe" angehören. Mit welcher Wut (oder Abfälligkeit) begegnen wir den echten, authentischen Kümmernissen von Israelis, die nicht "wir" sind. Als hätte unsere andauernde automatische Weigerung, auch nur im geringsten das Leiden der Palästinenser zur Kenntnis zu nehmen, um ja keinen Deut an unserem "Im-Recht-Sein" zu rütteln, schließlich unser Innerstes erreicht und unseren gesunden Menschenverstand und den natürlichen "Familieninstinkt" nachhaltig gestört: Manchmal scheint es ja, als könnte man das, was Juden einander in Israel antun, andernorts mit gutem Recht als Antisemitismus bezeichnen.

Wer nach längerem Auslandsaufenthalt nach Israel zurückkehrt, ist meistens erstaunt über den großen Ausbau der Städte, Straßen und Einkaufszentren und bestürzt über die Menschen, die Gewaltsamkeit, Ruppigkeit, Herzlosigkeit. Wer hier lebt, wundert sich schon nicht mehr darüber, daß dieser junge, freundliche, tapfere Staat in erstaunlich kurzer Zeit beschleunigt mentale Alterungsprozesse durchgemacht hat, daß Israel mit sonderbarer Entschlossenheit in starre, argwöhnische und depressive Verhaltensweisen verfallen ist und vor allem das Vertrauen in die eigene Wandlungsfähigkeit verloren hat, die Hoffnung, wie neugeboren einer besseren Zukunft entgegengehen zu können.

Wie in einer altmodischen Science-fiction-Geschichte hat sich der komplette Staat in eine Art "Zeitblase" verirrt, in der er nun kreiselt, gewissermaßen dazu verdammt, dort einige der Übel und Gebrechen nachzustellen, die seine tragische Geschichte ihm zugefügt hat. Vielleicht verwandeln sich Israelis deshalb ausgerechnet in Zeiten höchster militärischer Stärke wieder in handlungsunfähige Außenseiter, ja eigentlich in Opfer (nur diesmal Opfer ihrer selbst).