Kein Wort. Die Hände tanzen, berühren die Schulter, die Stirn, das Herz, singen den Text eines Liedes, das in hundert verschiedenen Stimmen existiert: Some day he'll come along - the man I love. Ein Schauspieler aus Pina Bauschs Tanztheater spricht den Song in Taubstummgestik, Gershwins Komposition verwandelt sich in eine Pantomime der Sehnsucht, läßt beinahe die Musik vergessen - das schönste Geschenk zum 100. Geburtstag am 26. September.

The Man I Love - für viele mit Billie Holiday und Lester Young identisch - ist einer jener Jahrhundert-Songs von George Gershwin, der alte Fragen frisch hält: Soll man Gershwin wegen seiner Vermählung von Jazz und sinfonischer Musik bewundern, für Rhapsody in Blue, An American in Paris und Porgy and Bess, oder doppeldeutig Ravel zitieren: "Warum wollen Sie ein zweitklassiger Ravel werden, wenn Sie ein erstklassiger Gershwin sein können?"? Vielleicht genügt es ja, auf den englischen Komponisten John Ireland zurückzugreifen: "Dieser Gershwin steckt uns alle in die Tasche. Der Kerl setzt sich hin und komponiert den originellsten und besten Song unseres Jahrhunderts. Sinfonien? Konzerte? Pah! Wozu braucht er eine Sinfonie, wenn er einen solchen Song schreiben kann? Das ist perfekt, einfach perfekt. Das ist die Musik Amerikas." Amerika, Land der Songs, nicht der Arien?

Wie üblich zum 100. Geburtstag treffen die Präsente ein, den Schenkenden schmücken sie, der Beschenkte kann sich nicht mehr wehren: Joshua Bells erbauliche Violin-Fantasien über Porgy and Bess, klassisch gepflegte Stimmen zu Standards & Gems, Herbie Hancocks selbstverliebter und geschwätziger Jazz-Kostümfilm Gershwin's World, den Joni Mitchell und Wayne Shorter in bewegenden Nebenrollen beehren, oder der Pop-Sampler als Gershwin-Groove.

Red Hot + Rhapsody nennt sich diese Kompilation aus der Reihe Red Hot + Irgendwas - "wie Sie wissen, dient sie wie ihre Vorgänger einem guten Zweck, der Aids-Prävention" - und erweist sich trotz aller Vorbehalte als die einzig wahre und aufregende Hommage an Jacob "George" Gershwin, ehedem Gershovitz, aus St. Petersburg. Die korrekte Schreibung war nicht so entscheidend im melting pot, in diesem Gemisch aus salonfähiger Klavierrollenmusik, jiddischen Bulgars, englischem Vaudeville, Blues, Rag und schwarzem Jazz.

Der jüdische Junge aus Brooklyn, der mit sechs Jahren vor einer Bar stand und, ausgehungert nach Musik, die Melody in F von Anton Rubinstein einsog, mit fünfzehn versuchte, als klavierspielender Songplugger in Tin Pan Alley, der 28th Straße in New York, Zentrum der Musikverlage, die Songs anderer Komponisten an den Kunden zu bringen und schließlich mit seinem eigenen Swanee reich wurde, verkörperte jenen Typus des ehrgeizigen Autodidakten und bildungshungrigen Vielfraßes, der die Jazz-Energi e aufnahm, die er um sich spürte.

Ob Nummern-Revue, Musical oder romantische Opern - das meiste heute ungenießbar -, er behandelte eine Musik, die nur wenige mit Respekt hörten, mit dem Gestus europäischer Ernsthaftigkeit, mit amerikanischer Unbeschwertheit komponierte er klassische Musik. Und so kehrt sich heute die Gefahr um: Interpretiert man ihn mit dem europäischen Gewicht der Welt, entsteht Schwulst, gibt man ihm zuviel Jazz, reduziert sich seine Musik auf den bloßen Anlaß, übers Ego zu improvisieren, und vergißt dabei, Gershwins melodischer Vertracktheit nachzuspüren.

Die Lösung von Red Hot + Rhapsody: seine Musik zu ehren, indem man ihm das eigene (Musik-)Leben schenkt. Mit verschleppter Lethargie tropft TripHop unter den eleganten Standards, mit Samples aus alten Aufnahmen zitiert man wie nebenbei Vergangenheit, mit afrikanischen Referenzen und Rhythmen werden Porgy And Bess-Songs zu den Wurzeln zurückgeführt. Und die Scratch-Rhythmen punktieren die Melodien wie Tanzschritte aus Fred-Astaire- und Ginger-Rogers-Filmen. Die Namen: von Jovanotti bis Bobby Womack, von Morcheeba zu Skylab, von Baaba Maal zu Spearhead - kleine Meisterstücke von rappenden und melancholischen Songpluggers, dazu die witzigen Kleinode von Beastie Boy Money Mark und Trompetenlegende Clark Terry: Let's Call The Whole Thing Off.