Eine Phase und eine Epoche sind am Sonntag in Frankreich zu Ende gegangen. Die Phase: Wochenlang hat deutsche Innenpolitik ganz oben auf der Tagesordnung gestanden. Keine Ausgabe der großen Zeitungen, in der nicht eine Sonderseite über Wahlkampf und Seelenleben der Nachbarn zu finden war. Die Berichterstattung war so breit und vielfältig wie für eine Entscheidung von nationalem Belang.

Die Epoche: Es hat ein Generationswechsel stattgefunden unter den französischen Deutschland-Beobachtern. Die alten Herren und Kenner der deutsch-französischen Aussöhnung, Journalisten und Mitgestalter, werden abgelöst. Unter ihnen sind historische Figuren wie Joseph Rovan und Alfred Grosser, daneben aber auch eine Vielzahl gedankenloser Glattbügler, die das Kanzleramt bis zuletzt ausdrücklich begünstigt hat. Ihre litaneihafte Beschwörung einer unwahrscheinlichen Nachkriegsleistung störte nach 1989 viele Versuche, die Zusammenarbeit neu zu definieren.

Freiwillig ziehen sich die Pioniere und ihre Kofferträger nicht zurück. Ihnen folgen jetzt, wie schon am Wahlabend klar wurde, neue, jüngere Figuren. Die großen Fernseh- und Radiosender haben ihre Kommentatoren zur Lage nach der Wahl diesmal im Kreis von bislang weitgehend anonymen Sachbearbeitern und Deutschland-Referenten gesucht.

Eine herausragende Rolle wird in Zukunft wohl Brigitte Sauzay spielen, die designierte Kanzlerberaterin in Sachen deutsch-französische Beziehungen. Hauptamtlich ist sie bis vor kurzem Dolmetscherin und Unterabteilungsleiterin im Außenministerium gewesen. Bekannt geworden ist sie als "Mitterrands Dolmetscherin". Vierzehn Jahre lang ist sie auf allen deutsch-französischen Gipfeln zu sehen gewesen, immer zwischen Mitterrand und Kohl. Eine Geheimnisträgerin erster Ordnung, sehr gewandt und diskret. Nebenbei hat sie sich in den letzten Jahren auch als Buchautorin und Mitbegründerin einer deutsch-französischen Begegnungsstätte in Brandenburg einen Namen gemacht. Ihre Berufung in Gerhard Schröders Wahlkampfteam ist in Paris, wo man das Denken in hierarchischen Kategorien pflegt, umstritten gewesen. Nicht satisfaktionsfähig, lautete das Verdikt in der Sozialistischen Partei. Skeptiker wird sie nun schon mit ihrer Nähe zur Macht besänftigen.

Die Bundesrepublik als intellektuelle Bezugsgröße Ihren plötzlichen Einsatz für Gerhard Schröder hat Brigitte Sauzay in ungezählten Fernseh- und Radioauftritten in Frankreich mit seinem natürlichen Deutschtum, seinem unbefangenen Verhältnis zur Nation gerechtfertigt. Endlich nicht mehr diese crispation identitaire, diese Selbstzweifel! Deutschland kann sich mit Schröder zu sich selbst bekennen. Der Gedanke hat seinen Weg eingeschlagen und ist jetzt auch schon wortgleich aus anderer Leute Mund zu vernehmen. Je öfter man es hört, desto stärker erinnert das französische Lob für Schröders Ungehemmtheit an jenen Neureichen in den Aufzeichnungen der Brüder Goncourt, der seinen Sohn auffordert: Du bist reich, sprich laut!

In Frankreich haben Staatspräsident und Regierung schon vor einem Monat angekündigt, sie wollten das deutsch-französische Verhältnis gleich nach der Wahl von Grund auf renovieren. Aber wie? Die gute Absicht ist von manch beruflich Betroffenem mit einem Seufzen kommentiert worden. "Keinem fällt mehr was ein", sagt ein deutscher Diplomat in Paris. Symbolische Aktionen durchschaue das Publikum sofort, ergänzt das Goethe-Institut in München: Die deutsch-französische Universität, beschlossen beim Kulturgipfel in Weimar vor einem Jahr, ist bis heute vollkommen virtuell geblieben. Derart folgenlose Großprojekte geben den gemeinsamen Ambitionen eine Hohlheit, die auf die Wahrnehmung des deutsch-französischen Verhältnisses beim Publikum durchschlägt.

Grundsätzlich ist Deutschland im französischen Bewußtsein heute an anderer Stelle verankert als Frankreich im deutschen. Frankreich hat ein zukunftsbezogenes Interesse, das alle Schattierungen umfaßt, von Mißtrauen bis zur intellektuellen Neugier. Umgekehrt haben viele Franzosen zunehmend den Eindruck, sie würden nicht ausreichend wahrgenommen. Wie der französische Botschafter François Scheer vor Honoratioren der Humboldt-Universität in Berlin mit gekränkter Ironie sagte: "Wir sind da. Man hört uns nicht. Man sieht uns nicht. Mit Absicht oder nicht? Ich frage ja nur."