Wer eine Ahnung davon erhalten will, wie es heute um die Psyche der Briten steht, welche Ängste die Inselnation in ihren Träumen plagen, sollte wieder einmal auf das urbritische Genre der Politfiction zurückgreifen. Seit Orwell und Huxley stehen gewisse prognostische Qualitäten dieser Gattung außer Zweifel. Solche Flüge literarischer Phantasie sind um so reizvoller geworden durch die offenkundige Schwäche sozialwissenschaftlicher Voraussagen. Welcher der zahlreichen DDR-Forscher hatte den Zusammenbruch des Kommunismus und der DDR vorhergesehen? Es mag auf der Insel derzeit keinen neuen Orwell geben. Aber Peter Preston, über 20 Jahre lang Chefredakteur des Guardian, liefert mit seinem Roman 51st State ein Beispiel für die Fähigkeit auch zeitgenössischer Autoren, frühzeitig Witterung aufzunehmen. Die Spuren, auf die er stieß, hat er zu einer Erzählung verdichtet, die - vielleicht - die Geschichte der Zukunft schreibt.

Preston entführt uns in ein ziemlich tristes Britannien. Blairs "dritter Weg" ist gescheitert. Wie alle politischen Wege zuvor. Die Hoffnungen auf nationale Erneuerung, die Tony Blair im Kennedy-Stil verhieß, haben sich nicht erfüllt. Nun sind wieder mal die Tories an der Macht. Ächzend und stöhnend haben die Briten das Pfund preisgegeben und den Euro akzeptiert. Den Sitz im Weltsicherheitsrat, Beweis vergangener Großmachtstellung, mußte man aufgeben, natürlich zugunsten der EU. Die politische Klasse des Landes manövriert zwischen Brüssel und Westminster hin und her, spielt die beiden Machtzentren gegeneinander aus. Die Europäische Union, mittlerweile 33 Nationen umfassend, hat sich in einen schwerfälligen bürokratischen Koloß entwickelt, natürlich unter deutscher Führung. Der Prozeß der Entnationalisierung schreitet stetig voran. Jetzt steht London vor einer besonders heiklen Entscheidung: Das Foreign Office, jahrhundertelang Zentrum weltpolitischer Interessen, soll nach Brüssel ausgelagert werden - die gemeinsame europäische Außenpolitik verlangt diesen Preis.

Auf der Insel regt sich Widerstand. Ein konservativer Minister setzt sich an die Spitze einer antieuropäischen Bewegung, die in einem Referendum triumphiert. Der Minister, zum Premier avanciert, führt Großbritannien aus der Europäischen Union hinaus. Doch schon bald offenbart sich, daß die splendid isolation happige Folgen hat. Brüssel reagiert feindselig, Handel und Investitionen leiden. Hilfesuchend wendet sich das Inselreich an den alten amerikanischen Verbündeten. Man tritt der Nafta bei, der nordamerikanischen Freihandelszone, doch auch das hat seine Tücken. Billige mexikanische Produkte überfluten den Markt und zerstören die Reste britischer Industrie. Das Vereinigte Königreich fällt auseinander; die keltischen Regionen werden unabhängig.

Doch dann die dramatische Wendung: Der englische Premier verbündet sich mit einem US-Präsidenten, der in Amerika die angelsächsische Dominanz wiederherstellen will. England tritt als 51. Bundesstaat den Vereinigten Staaten von Amerika bei. Schottland, Wales und Nordirland folgen. 51st State, eine Mischung aus Satire und Thriller, ist bissig und unterhaltsam. Doch es ist auch mehr. Es spiegelt die europäischen Qualen der Briten, die bald wieder vehement zutage treten dürften. Großbritannien steht vor einer folgenschweren Entscheidung. Ein Ja zum Euro, wie sehr es die ökonomische Logik zu gebieten scheint, stellt einen tiefen Bruch mit der Vergangenheit dar. Ihr zu entkommen, haben die Briten nun einmal sehr viel weniger Grund als die Deutschen.

Auf dem Kontinent sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Es sind nicht nur Nationalkonservative oder Empireträumer, die sich der finalen europäischen Umarmung widersetzen. Bis weit hinein ins liberale Establishment läßt sich tiefes Unbehagen ausmachen. Peter Preston gehört zu den chattering classes, den liberalen Zirkeln der Metropole. Es ist bezeichnend, daß der Guardian, ein stets dezidiert proeuropäisches Blatt, heute beinah mehr Argumente gegen als für die Währungsunion findet.

Die Realität beginnt da und dort bereits, die literarische Fiktion einzuholen. Die Idee eines Beitritts zur Nafta geistert immer stärker durch Debattierclubs, Dinnergespräche und think tanks. Es ist bezeichnend, welch hoffnungsfrohes Echo Newt Gingrich mit seiner eher dahingeworfenen Bemerkung über eine mögliche britische Nafta-Mitgliedschaft auslöste. Conrad Black, kanadischer Medientycoon und Besitzer der britischen Telegraph-Gruppe, zu der auch das Intelligenzmagazin Spectator gehört, plädierte kürzlich in einer Rede vor dem Centre for Policy Studies, einer konservativen Denkfabrik, für einen britischen Nafta-Beitritt - als Gegengewicht gegen europäische Integration und zur Verteidigung der "internationalen liberalen Ordnung". Einige Tory-Parlamentarier haben den Vorschlag begierig aufgegriffen und schreiben, in Ermangelung eines parlamentarischen Forums, Leserbriefe an die Times.

Die Angst vor Deutschland weicht stiller Antipathie Daß Senator Phil Gramm im Kongreß in Washington für einen Gesetzesantrag wirbt, der einen britischen Nafta-Antrag ausdrücklich begrüßt, mag als exzentrischer angelsächsischer Spleen durchgehen. Doch läßt sich schwerlich bestreiten, daß sich viele Briten Amerika instinktiv näher fühlen als dem europäischen Kontinent. Man spricht die gleiche Sprache; ein Urlaub in den USA wird immer populärer, die Volkswirtschaften wachsen stetig enger zusammen, wie Statistiken und Konjunkturzyklen belegen. Amerikanische Unternehmen investieren überproportional viel auf der Insel, während britisches Finanzkapital sich mit Vorliebe jenseits des Atlantiks engagiert. Und auf der Linken wie Rechten, von Reagan und Thatcher bis Clinton und Blair, hat sich eine gemeinsame politische Kultur herausgebildet. 51st State greift noch andere Trends auf. Die Idee des "Britischen" wird zunehmend in Frage gestellt. Manche Historiker halten Großbritannien für das überlebte Konstrukt eines gescheiterten Establishments. Blair versucht, Großbritannien neu zu definieren, um es zu retten. Seine Verfassungsreform soll das Vereinigte Königreich durch eine kräftige Prise Dezentralisierung und Föderalismus vor dem Zerfall bewahren.