In Hamburg ist seit ein paar Wochen ein Linienbus der städtischen Verkehrsbetriebe mit einer seltsamen Werbeaufschrift unterwegs. Man sieht darauf den Dirigenten Ingo Metzmacher, den Schriftzug des Hamburger Philharmonischen Staatsorchesters und einige Komponistennamen. Und in großen Buchstaben steht geschrieben: "Die Gegenwart läßt fragen, wo Sie bleiben?"

Gute Frage. Überall in der Welt wird über die Zukunft diskutiert. Nur der klassische Musikbetrieb kommt nicht von der Vergangenheit los. Das Publikum hat es sich gemütlich gemacht mit der Kunst von gestern und will sich, eingekuschelt zwischen Mozart, Schubert, Brahms und all den anderen, einfach nicht zu einem Aufbruch bewegen lassen. Das alte, verflixte Dilemma, gegen das schon so viele Dirigenten und Programmacher angekämpft haben und an dem schon so viele gescheitert sind. In Hamburg versucht es nun Ingo Metzmacher, der Generalmusikdirektor der Staatsoper. Endlich eine Repertoirebrücke zu schlagen in das Jahrhundert, das in zwei Jahren zu Ende geht, sei die große Herausforderung seiner Dirigentengeneration. "Wir müssen mit dem Publikum einen Weg finden und die Lücke endlich schließen zwischen Gustav Mahler und einem Karlheinz Stockhausen", sagt er - und greift deshalb manchmal auch zu ungewöhnlichen Mitteln. Vom Förderverein seines Orchesters hat er Geld für eine bescheidene Werbekampagne losgeschlagen. Ein Bekannter aus der Werbebranche hat ihm kostenlos das Konzept entworfen. Und nun klebt, spitz formuliert, die Gretchenfrage der klassischen Musik an einem HVV-Bus: "Die Gegenwart läßt fragen, wo Sie bleiben?"

Metzmacher selbst ist freilich schon lange angekommen in der musikalischen Gegenwart. Obwohl auch er im Schoß einer - im besten Sinne - bürgerlichen Musikkultur aufgewachsen ist, zwischen den Notenstapeln seines Vaters, des Cellisten Rudolf Metzmacher, zwischen Knabenchor und Klavierunterricht. Aber mit 18 Jahren fand er plötzlich, dies alles habe mit ihm selbst und der Zeit, in der er lebt, nur wenig zu tun. Er fing an, sich mit Neuer Musik zu beschäftigen und kehrte der musikalischen Welt seines Elternhauses zunächst radikal den Rücken. Metzmacher wurde Pianist, später Dirigent im Frankfurter Ensemble Modern, dem besten Spezialensemble für die zeitgenössische Musik. Er arbeitete als Interpret eine Zeitlang mit Stockhausen zusammen und hat in den letzten sieben Jahren große Aufführungen von Wolfgang Rihm, Luigi Nono und Hans Werner Henze geleitet. Und die modernen Partituren sind bei ihm immer in Griffweite. Aber inzwischen ist er auch noch woanders angekommen: im kleinen Club der deutschen Spitzendirigenten. Nach nur einer Spielzeit an der Hamburger Staatsoper wurde er soeben in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift Opernwelt zum Dirigenten des Jahres 1998 gewählt.

Wer sieht, wie Ingo Metzmacher auf seinem Parkplatz vor der Staatsoper einparkt, hat den Eindruck, daß ihn Hindernisse auf seinem Weg nicht aufhalten können. Der Wagen, der mehr eine turbulente fünfköpfige Familie erahnen läßt als den Maestro der Hansestadt, hat Beulen und Schrammen, die er nicht mehr reparieren läßt. Metzmacher, so scheint es, nimmt gerne den direkten Weg, der mitunter nicht immer der eleganteste und glatteste ist. Da kann es schon mal knirschen. Vielleicht offenbart sich da sogar noch mehr: ein Typ, der immer die Tuchfühlung, den Widerstand, die Reibungshitze in seiner Umgebung sucht. Aber wahrscheinlich sind die Gründe für die Autoschrammen doch viel banaler, viel weniger symboltauglich - eine Bierkiste in der Garage, die Ehefrau auf dem engen Supermarktparkplatz, die Tochter mit dem Roller.

Metzmacher ist eben so gar nicht umflort von der Aura des übersensibel an den Tönen kränkelnden, den irdischen Dingen abgewandten romantischen Künstlers, die gerne mit den Dirigenten in Verbindung gebracht wird. Eher breitbeinige Erdverbundenheit strahlt er aus. Kräftig seine Schultern, gedrungen seine Statur. Markant schiebt sich in seinen Gesichtszügen ein kantiges Kinn nach vorn. Und seine Art zu sprechen ist schnörkellos, umstandslos, geradeheraus. Einer, der Klartext redet - oder auch nicht: Ob er denn ein guter Diplomat sei im Umgang mit den Musikern? "Weiß ich nich'", antwortet er. Überlegt eine ganze Weile und sagt dann nichts mehr.

Auf dem Fußballplatz würde man ihn auf der Position des Außenverteidigers vermuten. Aber wenn er - was er ab und an tut - bei den Freizeitkickern im Stadtpark auftaucht, erweist er sich als ein trickreicher, ideenreicher Mann fürs offensive Mittelfeld. Auch am Dirigentenpult wirkt er alles andere als unbeweglich. Ökonomisch und organisch sind die Bewegungsabläufe seiner rechten Hand. Die Linke setzt er sparsam ein. Nur die große Showgebärde ist seine Sache nicht. Metzmacher gibt sich dem Rausch der Musik nicht somnambul hin, scheint beim Dirigieren nie abzutauchen in eine andere Welt, in einen anderen Bewußtseinszustand. Hellste Wachheit signalisiert sein Körper, äußerste Kontrolle, Entschiedenheit, Übersicht, Sachlichkeit. Was freilich nicht heißt, daß es seinen Interpretationen an expressiver Kraft mangelt. In seiner wilden, ungebärdigen Deutung von Benjamin Brittens Peter Grimes - ein musikalischer Höhepunkt der vergangenen Opernspielzeit in Hamburg - ließ er den Orchesterklang immer wieder wie eine eisige peitschende Brandung hochschäumen. Wenn er Debussy dirigiert, offenbart er in den besten Momenten eine suggestive, kristalline Klarheit. Und seine Verdi-Interpretationen sind von ungewöhnlich schroffer Dramatik. Die Kombination von rauher Emphase und analytischer Durchdringung erinnert manchmal an Michael Gielen, dessen Assistent Metzmacher Mitte der achtziger Jahre in Frankfurt war.

In den Proben ist sein Umgang mit der Musik nüchtern. Fast ingenieurhaft feilt er an rhythmischen Kanten, bosselt an der Artikulation, tüftelt an Stimmführungsdetails. Wie entscheidend die präzise Organisation von Klang in der Zeit ist, habe er bei Stockhausen gelernt. Metzmacher, der Perfektionist. "Die Architektur ist alles", sagt er. "Das andere kommt dann schon von alleine." Die Farben zum Beispiel oder die ganz spezifische Stückatmosphäre. Das könne man sowieso nur schlecht mit Worten vermitteln. Worüber man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen. Und auf den Moment der Aufführung vertrauen.