Eigentlich ist alles schon mal dagewesen: als erfundene und echte Expeditionsberichte, als ein fortschrittsgläubiges Radiolehrstück für Knaben und Mädchen und als ein richtiger kleiner Prinz. Aber noch keiner hat den großen Traum vom Fliegen in einen kleinen Roman gesteckt, der von Jules Verne über Brecht bis Saint-Exupéry all diese Traditionen anzitiert und durcheinanderquirlt: dünne Luft, in die sich Perikles Monioudis mit seinem neuen Roman Deutschlandflug da wagt - und ein mokanter Kratzfuß vor den Schweizer Buchmesse-Managern, die ihr Land unter dem Titel Hoher Himmel, enges Tal aufs Frankfurter Parkett schicken.

Hoch und unerreichbar ist der Himmel für die meisten Menschen in den verrückten Neunzigern von Deutschlandflug: TV, Telefonkarten und freie Triebe gibt es zwar ohne Ende, Flugzeuge, Funkfeuer und Fotos aus der Vogelperspektive aber kommen als Sensation auf die Titelseiten der Zeitungen. Ein Epochenverschnitt, wie ihn der griechischstämmige Glarner Autor schon im letzten Roman Eis (1997) zum Grundgerüst machte: In der gnadenlosunterkühlten Gesellschaft von Eis hat man Handys, aber keine Kühlschränke. Das Eis muß aus eingefrorenen Seen herausgeschnitten werden: eine harte Arbeit, durch die sich ein Neunzehnjähriger gleich selbst freischneidet. Frei von einem erstarrten, verklumpten, sprachlosen Dasein, das Monioudis' Prosa kalt und poetisch zugleich schildert.

Dem Flugteam vom Deutschlandflug dagegen mangelt es nicht an Worten. Wieder weiß ein verwirrter Jungmann nicht, wo's langgeht, doch die alten Herren an Bord versorgen den Testfunker großzügig mit Ratschlägen: Rolf "müsse die Frau vergessen", die ihn so unglücklich gemacht habe, und heiraten, meint etwa Expeditionsleiter Seedorfer, Hilfspilot und Kartograph Grossmann plaudert über die Vorzüge der offenen Ehe, und Chronist Villars ist ein Schriftsteller - keiner der stillen, bescheidenen Sorte. Frauen und Flugzeuge eben.

Trotzdem ist auch Monioudis' jüngster Roman selten geschwätzig. Das liegt nicht nur daran, daß das Flugzeug seine vier kleinen Passagierlein der Reihe nach verliert: Grossmann in Stuttgart, Villars in Frankfurt. Die Strecke Zürich-Berlin schaffen bloß die zwei, auf die es ankommt in diesem Text: Der ist ein kühles Bewußtseinsprotokoll eben des Piloten und mehr noch des Funkers.

"Merkwürdig, wie die Gedanken schweifen, wenn man so dahinfliegt", lautet das Motto des Romans; der 1966 geborene Schriftsteller hat es sich aus den Erinnerungen des Schweizer Flugpioniers Walter Mittelholzer herausgesucht, der die Vorform der Swissair gründete und im Text als flugbesessener Seedorfer figuriert. Gar nicht merkwürdig freilich, wohin Rolfs Gedanken schweifen. Er macht alles noch einmal durch: das Kennenlernen der Geliebten in Zürich, sein Besuch bei ihr in Berlin, das unverständliche Aus nach drei Monaten, "die Übernachtungen bei Freunden, die Waldläufe, die quälenden Fragen, die immer einfacheren Antworten".

Aber Fliegen bedeutet nicht nur Rückschau und Fortschritt wie für Seedorfer, für den es "eine Frage des unbedingten Willens und der vorbehaltlosen Ausdauer" ist, eine Leistung, für die er seine Sonderbriefmarke verdient hat. Sondern Fliegen bedeutet auch Flüchtigkeit, Ankommen und Abheben, Morsen, Kommunikation auf die Ferne, "proximité et distance", wie Villars doziert - und es bedeutet, ganz anders beim eben erschienenen Ikarus-Roman des Schweizer Jürg Amann: Lebenlernen. Wie in Eis verstrickt Monioudis seine Zeitenmix-Masche zu einer Emanzipationsgeschichte. Nun ja. Am Schluß steht denn auch ein befreites Adieu, nächtens gedacht vor dem Ostberliner Plattenbau, in dem sie wohnt, ein Blick und ein kurzes "Das war's", das Leben geht weiter. Und wer's nicht glaubt, sei auf den Untertitel Ein Traum verwiesen. Ein vielerorts durchaus zarter Traum aus Technik und unmerklicher Therapie.

Allerdings hat der Romancier vielleicht einmal zu oft nach den Reiseberichten des helvetischen Flugpioniers geschielt. Sie begeistern denn doch nur die Freaks, die Angaben über den "Brennstoffverbrauch für PS und Stunde", den "Schmierölverbrauch", das "Gewicht, betriebsfähig, jedoch ohne Wasser, Öl und Nabe"; die detailverliebten Beschreibungen von Flugmanövern und Flugzeugtechnik wie der Antenne - "ein Kupferdraht, gespannt zwischen der Tragflächenmitte über ihren Köpfen und dem obersten Punkt des Seitenruders am Heck".