Man mag diesen Mann einfach nicht richtig. Man muß auch nicht, man muß als Leser nicht jede literarische Figur mögen. Allerdings werden die Dinge etwas komplizierter, wenn es sich bei dem Ungelittenen um den Ich-Erzähler persönlich handelt. Und richtig interessant wird der Fall, wenn der Autor diesem Ich-Erzähler eine Schreibweise angedeihen läßt, die das Unsympathische des Charakters spiegelt. Es handelt sich um das überstilisierte, ziemlich affige Gerede eines Kopfmenschen, der stark und, wie er selbst sagt, überdurchschnittlich gebildet ist und seine Bildung, sein Reflexionsvermögen, seine geistige Überlegenheit permanent wie Einser im Abiturzeugnis vorführt. Er zitiert gerne, zumal feine französische Redewendungen, er schweift gern ab, überzeugt davon, daß sich unter seiner Hand auch Nebensächlichkeiten in Diamanten verwandeln. Dabei ist vieles nur gespreizt anstatt brillant, nur überkultiviert anstatt originell. Am unsympathischsten aber ist der Duktus der Selbstnobilitierung, den dieser Erzähler an den Tag legt. Von Beruf ist er Schriftsteller. Und er läßt keinen Zweifel daran, daß er zu jenen sozial nach unten abgegrenzten Schriftstellern von der empfindlichen und eremitenhaften Art gehört. Er ist ein Besserwisser selbst dann, wenn er seine Macken und Deformationen preisgibt und sie elaboriert interpretiert.

Freilich weiß der Mann, daß er im Grunde genommen ein komischer, kontaktarmer Sonderling ist, aber er ist es mit süffisantem Stolz. Freilich weiß er, daß es übertrieben ist, sich das Rasenmähen vor dem Haus in der Zeit bis 17 Uhr zu verbitten, weil das leise Summen des Mähers die heilige Konzentration am Schreibtisch stört. Aber so ist er nun mal, anders als das stumpfe Mittelmaß der Menschen. In seinem ganzen Leben war er gerade zehnmal im Kino. Er ist sich auch nicht sicher, ob es sich beim Film überhaupt um eine Kunstform handelt. Dabei stockt die eigene Kunstproduktion momentan erheblich. Der englische Schriftsteller, der die Mitte des Lebens überschritten, seine Frau verloren hat, der ein Haus in der Nähe Londons bewohnt und seinen monotonen, insulären Alltag äußerlich von einer Haushälterin versorgen läßt, hat vier Romane mit mäßigem Erfolg geschrieben und ist zum Essayistischen zurückgekehrt. Gerade liest er die Fahnen seines Buches "Die Bewohnbarmachung der Leere" und beschmunzelt seine Fehlleistung, die Namen der beiden französischen Philosophen Bachelard und Bataille verwechselt zu haben. Da wird sein Leben von einem Erdbeben erfaßt.

Ihn erwischt die Leidenschaft zu einem jungen Mann, und ihn erwischt, was er am meisten verachtet: das Banale und die Kulturwelt des Banalen. Denn der junge Mann ist ein Darsteller in einem Teenie-Film der dümmsten Sorte, in den der Schriftsteller durch Zufall hineingeriet, als er sich vor einem Regenguß rettete. Und all das, was seine kindliche, aber existentielle Leidenschaft ihn ab und zu tun zwingt, ist ebenfalls von der dümmsten Sorte. Er fährt nach London, um an Kiosken unerkannt stapelweise Teenie-Zeitschriften zu kaufen. Er schneidet die Bildchen seines Schwarms Ronnie Bostock aus, klebt sie in ein Poesiealbum und frißt die Bildkommentare wie die Zehn Gebote in sich hinein. Er wird dem Leser bei alldem, bei diesem Abdriften seiner Identität, nicht automatisch sympathischer. Aber er wird auf furchtbare Weise menschlich, wie Selbstentwürdigung es immer ist.

Mit der Darstellung der Klimax, der zwanghaften inneren Logik dieser Selbstentwürdigung ist dem englische Autor Gilbert Adair in seinem kleinen Roman Liebestod auf Long Island ein erzählerisches Meisterstück gelungen - mit dem ganzen Buch eine spannende und produktive Adaption von Thomas Manns Tod in Venedig. Die deutsche Vorlage verhält sich zum englischen Remake wie das Brustporträt zur extremen Nahaufnahme. Wir erkennen Gustav Aschenbach exakt wieder. Was er fühlte, was ihn hinter Tadzio hertrieb, deckt sich mit dem Psychogramm des Jahrzehnte jüngeren Engländers.

Aber wir sehen ihn gleichsam aus der Poren- und Neurosennähe, die den Mythos der platonischen Männerpassion entzaubert und die Todesästhetik erhellt. Souverän ist der Roman vor allem in der Lenkung der narrativen Linie, die teilweise mit den Episoden in Thomas Manns Erzählung ganz parallel läuft, teilweise von ihr abweicht. Den geckenhaften Frisörbesuch kurz vor dem Finale hat Gilbert Adair beibehalten, ebenso das echauffierende Gerenne auf den Spuren des Geliebten und seines Schattens. Der Lido ist bei Adair sinnigerweise Long Island, denn der besessene Schriftsteller überquert tatsächlich den Atlantik, um Ronnie Bostock, den er nur als Zelluloid- und Zeitungsbild kennt, endlich mit Händen greifen zu können. Beibehalten hat Adair auch die Ambivalenz zwischen homosexuellem Coming-out und einmaliger fixer Idee.

Die gravierenden Unterschiede liegen in der Verlagerung der ganzen Vernarrtheit in die Medien-Wirklichkeit und dem wilden Bestreben des Vernarrten, sie durch die wirkliche Wirklichkeit zu ersetzen. Wobei sich die Art, wie der englische Schriftsteller Ronnie Bostock verfolgt, von den Nachstellungen eines paranoiden Fans, dieses Geschöpfes des Medienlebens, nur wenig unterscheidet. Gilbert Adair zeigt, daß die Projektion auf das Bild Ronnie Bostock und die Jagd auf das Objekt Ronnie Bostock nur vordergründig der Liebe dienen. Insgeheim handelt es sich um Strategien eines symbolischen Mordes. Als Person ist Ronnie Bostock schon längst erledigt, als der englische Schriftsteller ihn persönlich trifft. Deshalb kann die Erzählung ihn am Ende auch, anders als Tadzio, am Leben lassen.

Gilbert Adair: Liebestod auf Long Island Roman; aus dem Englischen von Thomas Schlachter; Edition Epoca, Zürich 1998; 175 S., 38,- DM