Als im November vergangenen Jahres die Lenkung des BMW von Gesa L. plötzlich bedenklich schlackerte, dachte die Lehrerin: "Damit fährst du keinen Schritt weiter." Zum Glück bremste sie sofort. Es stellte sich heraus, daß von Vorder- und Hinterrad an der Fahrerseite ihres Wagens je drei Radbolzen herausgeschraubt worden waren, zur Tarnung hatte der Täter die Radkappen wieder auf die Felgen aufgesetzt.

Frau L. hatte keine Ahnung, wer ihr auf diese Weise nach dem Leben trachten könnte. "Ich habe keine Feinde", sagt sie vor dem Amtsgericht Hamburg. Dafür wußte ihre Kollegin Christel G. sofort, wer als Täter in Betracht kam. Frau G. fährt einen ähnlichen Wagen wie Frau L. und glaubt über eine Feindin zu verfügen. Sie sei das eigentliche Ziel gewesen, die Wagen seien auf dem Schulparkplatz nur verwechselt worden, kombinierte sie und hatte damit die Täterin parat, die Kinderärztin Petra B., Ehefrau ihres Lebensgefährten.

Die schwerkranke Frau B. wehrt sich gegen die "absurde" Anklage: "Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Radwechsel vorgenommen." Zudem mache der Anschlag wenig Sinn: "Frau G. transportiert meinen eigenen Sohn nach der Schule, der wäre auch gefährdet gewesen."

Das Verfahren ist der bisherige Höhepunkt eines schmutzigen Scheidungskriegs. Unter der Erkrankung von Frau B. an multipler Sklerose hatte offenbar die Zuneigung ihres Mannes Udo B. sehr gelitten. Der Lehrer verließ seine Frau und zog bei Kollegin G. ein, mitsamt den Kindern. "Er hat mir meine Kinder weggenommen, als ich im Krankenhaus war", klagt Frau B. Die neue Lebensgefährtin ließ wissen, ihr Telefon stehe nicht als Vermittlungsdienst zur Verfügung, weitere Belästigungen sollten bitte schön unterbleiben. Der Ehemann erlaubte der Mutter die Kommunikation mit ihren Kindern nur noch per Fax. Anrufe von Frau B. auf dem Anrufbeantworter, angeblich drohend, klingen wenig spektakulär. Man hört die Stimme der Mutter, die höflich um ein Gespräch mit den Kindern bittet. Als nach zahllosen Versuchen immer noch niemand abnimmt, kommt der verzweifelte Satz: "Ich werde mich rächen."

Ehemann Udo B. scheint von keinem Selbstzweifel angekränkelt. Bei der sei "nicht mehr alles ganz richtig im Kopf", teilt er lächelnd dem Richter mit. Nichts als Scherereien soll die Frau ihrem eheunwilligen Gatten gemacht haben.

Andere Hinweise auf die Täterschaft als die Kombinationsgabe des Liebespaares gibt es nicht. Insbesondere hat niemand Petra B. am mutmaßlichen Tatort, auf dem Schulparkplatz, beobachtet. Der Arzt Hartwig B. kann angesichts der Vorwürfe gegen seine Patientin nur ungläubig den Kopf schütteln. Frau B., eine zierliche Person, hätte schon im gesunden Zustand Probleme gehabt, die Bolzen zu lösen. "In ihrem Zustand ist das völlig ausgeschlossen."

Das Schöffengericht spricht Petra B. frei. Mühsam humpelt sie aus dem Saal. Sie hofft immer noch, daß Mann und Kinder zu ihr zurückkehren. Doch Udo B. würdigt seine Frau keines Blickes.