"Ich kann keinen mehr umarmen"
Das Gift der Stasi wirkt fort. Neue Dokumente zeigen, wie die StasiKinder und Jugendliche als IM anheuerte - und was aus ihnen wurde
Es war, als täte sich abermals ein Abgrund auf. Die Öffentlichkeit glaubte schon, alles über die Machenschaften des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit zu wissen, da veröffentlichten 1995 die Berliner Psychologen Klaus Behnke und Jürgen Fuchs Dokumente über die staatlich betriebene "Zersetzung der Seele". Ihr gleichnamiges Buch über Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Stasi wurde zum Standardwerk. Doch das wohl beklemmendste Kapitel dieses an geschilderten Widerwärtigkeiten nicht eben armen Buches behandelte "Die (Ver-)Führung von Kindern und Jugendlichen durch das MfS".
Dabei war die Quellenlage damals eher dünn. Denn die Akten von Informellen Mitarbeitern, die im Jugendalter von der Stasi verpflichtet worden waren, muß auch die Gauck-Behörde unter Verschluß halten. Aber was aus dem Nachlaß der sogenannten Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche/Golm, einer nur dürftig getarnten Kaderschmiede des MfS, bekannt wurde, war aussagekräftig genug. In einer aus dieser Hochschule stammenden Richtlinie hieß es: "Die optimale Gestaltung der Zusammenarbeit mit jugendlichen IM, ihre Erziehung und Befähigung, daß sie mit der Forderung des Genossen Minister entsprechend in der Lage sind, operativ bedeutsamen Personen unter die Haut zu kriechen und ins Herz zu blicken, verlangt von unseren Mitarbeitern spezifische Fähigkeiten zur Führung junger Menschen."
Klaus Behnke, der in Berlin die Beratungsstelle für Folgeschäden der DDR-Diktatur aufbaute und anfangs leitete, hat inzwischen weitere Materialien und Dokumente gesammelt, die er jetzt unter dem Titel Stasi auf dem Schulhof zusammen mit dem Soziologen Jürgen Wolf herausgibt. Sie zeigen erst das ganze Ausmaß dieses Jugendmißbrauchs. "Die Täter waren immer auch Opfer", sagt Behnke, der als ehemaliger DDR-Dissident selbst Opfer von Stasi-Zersetzung war. Viele der jugendlichen IM wurden erst verführt und dann geführt. Sie wurden erpreßt oder empfanden es bei ihrer Verpflichtung zumindest so. Mittelstufenschüler hatten Angst, die Verweigerung verbaue ihnen den Weg in die erweiterte Oberschule. Oberschüler fürchteten, ein Nein mache alle Hoffnungen auf einen Studienplatz zunichte. Sie konnten kaum wissen, daß eine Absage an das MfS oft folgenlos blieb. "Vier von fünf angesprochenen Jugendlichen", resümiert ein ehemaliger Führungsoffizier der Stasi, "haben uns einen Korb gegeben."
Dennoch standen, als die DDR unterging, rund 10 000 Jugendliche im Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit. Einige hatte man aus linientreuen Familien rekrutiert und deren eigene Eltern quasi zu Zwischenführungsoffizieren funktionalisiert. Andere griff man sich, als sie in psychischen, oft auch nur pubertätsbedingten Turbulenzen steckten und zur Stabilisierung einen starken Partner brauchten. Die heute vorliegenden Schilderungen von jugendlichen Spitzeln verweisen "auf entscheidende Defizite in den sozialen Beziehungen der betroffenen Jugendlichen", berichtet der Soziologe Peter Rieker vom Deutschen Jugendinstitut in Leipzig. Auf wen das zutraf, erfuhren die Späher des MfS an den Schulen. Landesweit sichtete das MfS die Schülerakten aller siebten Klassen. Ziel: das Herausfiltern von Kindern mit der "kadermäßigen Eignung" zum Schnüffeln, Spitzeln und Spionieren.
In Behnkes und Wolfs Sammelband wird die Rolle der Lehrer noch deutlicher belegt. Da sie um die Berufswünsche ihrer Schüler wußten, sollten sie laut einer Richtlinie von 1985 "Jugendliche nennen, die Mitglied der jungen Gemeinde sind, aber Voraussetzungen für eine erfolgreiche Gewinnung als IM erkennen lassen". Diese sollten "in Schwerpunktbereichen" - gemeint waren etwa Kultur oder Medizin - "zum Einsatz kommen können". Neben der politischen Indoktrination und der Erziehung zur Lüge dürfte die Mitarbeit an dieser schmutzigen Regelanfrage die größte Schuld sein, die Lehrer und Schuldirektoren der DDR auf sich geladen haben.
Angesetzt hat die Staatssicherheit ihre jugendlichen Spitzel hauptsächlich auf Gleichaltrige. Denn spätestens seit den siebziger Jahren bildeten sich neben der staatlichen Jugendorganisation FDJ staatsferne oder regimekritische Gruppierungen und Milieus: Umweltschützer, Hippies, Punks, Tramper, Fans westlicher Musik und später auch Skinheads. Die Stasi rubrizierte sie alle unter "Erscheinungsformen negativ-dekadenter Jugendlicher". Ziel geheimdienstlicher Zersetzungsmaßnahmen waren stets auch kirchliche Jugendgruppen.
Viele von ihnen sind nicht erst nach der Wende in eine tiefe Krise geraten. Denn die Stasi zeigte nur Interesse an ihnen, solange verwertbare Informationen flossen. Anderenfalls musterte sie minderjährige IM kurzfristig wieder aus. Den Verlust des Führungsoffiziers als Bezugsperson, für viele damals der wichtigste Halt im Leben, blieb nicht folgenlos. Nach dem Zusammenbruch der DDR häuften sich bei den Betroffenen Alkohol- und andere Suchtkrankheiten sowie psychosomatische Störungen. Ein Mädchen, das den Umweltkreis einer Kirchengemeinde ausspionierte, sich dabei allerdings zunehmend mit ihren Opfern und deren Zielen identifizierte, befürchtete, nach ihrer Enttarnung ausgestoßen zu werden. Sie ist bis heute in therapeutischer Behandlung. Ein anderer jugendlicher IM, der nach der Trennung von der Stasi noch zu DDR-Zeiten in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden mußte, leidet bis jetzt unter Verfolgungswahn, an diversen Phobien, Herzrasen und Schwindelgefühlen - hinzu kommt eine ausgeprägte Identitätsdiffusion.
Beziehungsstörungen treten häufig und verstärkt auf, "vom Gefühl der Entwertung und Verlassenheit bis zu partnerschaftlichen und sexuellen Problemen", erfuhr Rieker. Einer der Jugendlichen wird so zitiert: "Ich kann keinen mehr umarmen, das geht nicht mehr. Ich bin deshalb immer allein."
Die dokumentierten Fälle bilden nur die Spitze eines Eisberges. Denn die wenigsten minderjährigen IM haben sich offenbart oder wurden durch Einsicht der Opfer in ihre Akten enttarnt. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, daß die Gauck-Behörde ältere Antragsteller, aus verständlichem Grund, vorrangig behandelt. Einige tausend der von der Schulbank weg verpflichteten Stasi-Mitarbeiter wissen, daß sie nur noch eine gewisse Zeit mit der Lüge leben können. Vielleicht verdrängen sie diese Situation, vielleicht leiden sie darunter.
Doch ihre Geschichte ist kein Thema von gestern. Wenn die ehemaligen Jung-IM ihre speziellen Erfahrungen von Verrat und Lüge reproduzieren und unbewußt weitergeben, "dann hätte die Vergangenheit ehemaliger jugendlicher IM auch Konsequenzen für nachfolgende Generationen", fürchtet der Soziologe Rieker. "Sie wären in ihren Beziehungserfahrungen mit dem Mißbrauch konfrontiert, den die Stasi mit Jugendlichen getrieben hat." Behnke prophezeit düster: "Sie suchen weiterhin nach diktatorischen Vorbildern - ob in familiären oder gesellschaftlichen Strukturen." Das Gift der Stasi wirkt demnach auch neun Jahre nach ihrer Abschaffung fort.
Klaus Behnke/Jürgen Wolf: Stasi auf dem Schulhof Der Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen durch das Ministerium für Staatssicherheit; Ullstein Verlag, Berlin 1998; 256 S., 16,90 DM
- Datum 01.10.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/1998
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