"Ich kann keinen mehr umarmen"Seite 2/2
Beziehungsstörungen treten häufig und verstärkt auf, "vom Gefühl der Entwertung und Verlassenheit bis zu partnerschaftlichen und sexuellen Problemen", erfuhr Rieker. Einer der Jugendlichen wird so zitiert: "Ich kann keinen mehr umarmen, das geht nicht mehr. Ich bin deshalb immer allein."
Die dokumentierten Fälle bilden nur die Spitze eines Eisberges. Denn die wenigsten minderjährigen IM haben sich offenbart oder wurden durch Einsicht der Opfer in ihre Akten enttarnt. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, daß die Gauck-Behörde ältere Antragsteller, aus verständlichem Grund, vorrangig behandelt. Einige tausend der von der Schulbank weg verpflichteten Stasi-Mitarbeiter wissen, daß sie nur noch eine gewisse Zeit mit der Lüge leben können. Vielleicht verdrängen sie diese Situation, vielleicht leiden sie darunter.
Doch ihre Geschichte ist kein Thema von gestern. Wenn die ehemaligen Jung-IM ihre speziellen Erfahrungen von Verrat und Lüge reproduzieren und unbewußt weitergeben, "dann hätte die Vergangenheit ehemaliger jugendlicher IM auch Konsequenzen für nachfolgende Generationen", fürchtet der Soziologe Rieker. "Sie wären in ihren Beziehungserfahrungen mit dem Mißbrauch konfrontiert, den die Stasi mit Jugendlichen getrieben hat." Behnke prophezeit düster: "Sie suchen weiterhin nach diktatorischen Vorbildern - ob in familiären oder gesellschaftlichen Strukturen." Das Gift der Stasi wirkt demnach auch neun Jahre nach ihrer Abschaffung fort.
Klaus Behnke/Jürgen Wolf: Stasi auf dem Schulhof Der Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen durch das Ministerium für Staatssicherheit; Ullstein Verlag, Berlin 1998; 256 S., 16,90 DM
- Datum 01.10.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/1998
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