Belletristik Im Beiwagen des Lebens
Thomas Kapielski vollendet den Künstlerroman
Ist Thomas Kapielski ein komischer Autor? Wenn ja, wie sehr und auf welche Art? Erscheint es zwar pedantisch, zur Komik eines Autors erläuternde und kategorisierende Urteile abzugeben, so ist doch die genaue Beschreibung dessen, was allgemein und in allerlei Bedeutungen Humor genannt wird, von erhöhter Wichtigkeit. Beim Stichwort Tragik weiß man gleich: Ist nicht meine Sache, oder gerade doch. Die Fabel läßt auch keinerlei Irrtümer zu, zum Beispiel: Mann liebt Frau, die verläßt ihn wegen eines anderen - da ist dann alles klar. Auch wo die Tragik in die Groteske übergeht (Frau liebt Mann, der morgens als Insekt erwacht), ist eine geradlinige, schnelle Einschätzung möglich. Desgleichen beim Erhabenen, beim einfach Traurigen und so fort. Nur beim Witz kann man sich gewaltig irren.
Thomas Kapielski ist darin ein komischer Autor, daß er zuerst und immer verläßlich auf die Würde des Alltags vertraut: Er erzählt uns sein Leben (oder das Leben einer Figur namens Thomas Kapielski), ohne sich um spezielle Effekte zu mühen. Es regnet, er hat eine Reifenpanne, sein Deckel in der Stammkneipe ist nicht mehr zu bezahlen: wie er es erzählt, ist es komisch. Das hat nicht nur mit den Sachen selbst zu tun (denn eine Reifenpanne kann ja komisch sein), sondern mit der Sichtweise Kapielskis, der sein Leben betrachtet, als säße er im Beiwagen desselben. Es zieht eher gemächlich vorüber, man sieht allerlei Gegend und viel nettes Volk; die Nebenstraßen sind gemütlicher und längst nicht so gefährlich, und hin und wieder steigt man aus und trinkt ein Bier. Oder steht, vor Aufregung schon leicht angetrunken, auf einer Balustrade und hört dem Verriß des Lebenswerkes zu. Denn der Autor Thomas Kapielski ist auch bildender Künstler, macht so Musik und fotografiert. Das erste Kapitel seines neuen Buchs Davor kommt noch berichtet von einer Ausstellung seiner Objekte, die eher zufällig stattfindet, gerade als sich Kapielski von dieser Branche innerlich verabschiedet hat. Das Valentin-Museum München packt seine Räume voll mit Kapielskis, und die Kuratorin Köhl fällt bei der Eröffnung ganz aus der Rolle und begründet mit Temperament und nicht ganz ohne Takt, warum sie die Sachen verheerend findet.
"Verkanntes Genie!" spricht der Autor hernach zu sich selbst, in der Kneipe gestrandet. "Sei nicht traurig! Es war das, was die Köhl dir angetan hat, im Grunde doch eine weißbierwürdige Handlung und ein aufrichtiger Vernissagenarschtritt, und du wirst der Köhl nach Ablauf der Schmollfrist bei Gelegenheit ein höfliches Usambara-Veilchen schenken oder sie in die ,Pfälzer Weinprobierstuben' ausführen, zumindest wirst du sie aber literarisch verewigen! - Denn wo kommen wir denn da hin? Man muß die Künstler durchaus mehr quälen dürfen, diesen geschwollenen Berufssektor, diese Eitelmeisterei und Hoffärtigkeit; diese Menschen, die sich in ihrer Mehrzahl so aufdringlich um die Arbeit drücken. Und als Künstler zu achtundneunzig Prozent nichts taugen! Und hatte ich den Blödsinn nicht gerade selber wieder angefangen, trotz aller guten Vorsätze? Und hatte meine Weisheit verderbt wegen eitlen Scheins? Und war letztlich nicht mehr als Dörrobst und Stockfisch dabei entstanden? Ich hatte Sachen im Repertoire, die hatten nicht mehr den Effet von 1985!"
Im Grunde hat Hiob recht und nicht der Herr Da ist alles beisammen: Beinahe-Berühmtheit und Selbstkritik, spezielle Zerknirschtheit und durch Alkohol erhöhte Einsicht, das Vanitas-Motiv und die Melancholie des Alters, dazu ein Hinweis auf den Text im Text... Nur durch eine kleine Verschiebung gelingt es Kapielski, aus einer Pleite eine Farce zu machen und aus der Klassikprosa eines Egozentrikers Vergnügen. Gutgesetzte Worte über das Scheitern des Schaffenden gibt es schließlich reichlich, brokaten und aus Gips, in Marmor gesetzt und im Delirium. Die letzte Entspannung ist das, was Kapielski hinzufügt, und damit bringt er das Genre des Künstlerromans zu seiner historischen Vollendung. "Beim Grübeln mit den Vorderzähnen an Bleistiften oder Brillenbügeln - kennt wohl jeder - über die Frage, was man jetzt wieder zeichnen könnte, kam mir die Idee zu einem Titel: ,Mit den Vorderzähnen gestaltet'." Auch über die Gesetze des Verkaufs macht sich der Künstler wertvolle Gedanken: "Wer sich bei ,Manufactum' diesen Arp-ähnlich anämischen Briefbeschwerer aus Mooreiche zu 249,- DM bestellen kann, kriegt und kauft bei mir was durchblutet Leichtfertiges nicht unter zwo Mille! (Denn es steigt, bei näherer Betrachtung, mit dem Preise gleich die Achtung!)"
Das Buch trägt den Untertitel Gottesbeweise IX-XIII; sein Autor läßt sich in schöner Offenheit auf ontologische Reflexionen ein. Ein Ausflug nach Finnland, einer Hochzeit halber, gibt Anlaß zu gedanklichen Ausschweifungen über die Landschaft Skandinaviens ("Die Birke gilt als Abwechslung"), die Notwendigkeit des Sonnenuntergangs und die Entbehrlichkeit der Mücke. "Die Plagen sind wohl gestaffelt, und im Grunde hat Hiob recht und nicht der Herr. Das geht bei Kleinigkeiten los." Die Leiden des Hochzeitsgastes Kapielski geben ein trostloses Bild des Nordens, tragen aber den Titel Die Dinge sind in Ordnung, denn schließlich gelingt ihm die Flucht: Gründlich zerstochen, schlecht ernährt und fertig mit Finnland, schafft er es zurück nach Berlin, in den dortigen Frühling. Auch dort steht nicht alles zum besten, aber für das "heikel Kachelofengemüt" des Erzählers ist das Gewohnte verläßlich Rettung.
Selbst die Kulturkritik Kapielskis ist selten schlecht gelaunt. Er kann sich in Furor schreiben, aber niemals vom höheren Standpunkt aus, sondern als einer, der sich besserer Zeiten erinnert. Zum Beispiel jener, als ein offener BMW noch ästhetische und soziale Bedenken auf sich zog, im alten West-Berlin. "Inzwischen sitzen hier vornehmlich Jungdealer mit Goldzähnen drin und jagen die Oranienstraße auf und ab, damit ein jeder vom Rapperunfug lauschen möge. Da traut sich die Jugend nicht mehr ran; das achten sie. Lieber eine U-Bahn kaputtmachen oder sonst eine öffentliche Nützlichkeit; vor den Stinkblechen haben sie Respekt, da hängt auch ihre eigene kranke Wunschökonomie dran, an dieser ganzen oben offenen Konsumscheiße und Angeberblödheit. Ich meine, wenn ich es luftig haben möchte, dann fahre ich doch bequemer Fahrrad, und von einem ordentlichen Auto kann ich doch ein vernünftiges Dach erwarten und im Winter Heizung. Was sollen diese halben Sachen?"
Der Übergang vom Gedanklichen ins Schwadronieren gelingt ihm immer mit Eleganz, denn seine schlenkernde Grammatik, dem gesprochenen Wort näher als dem geschriebenen, ist voller Anmut und Beweglichkeit. Der Anteil offensiver Kalauerei hat, im Vergleich zu seinen letzten Büchern, nachgelassen; der Autor Thomas Kapielski traut sich mehr zu, und er hat recht damit. Ob eine Beerdigung in Süddeutschland, ein alkoholischer Absturz auf Reisen oder die mißtrauische Verkostung einer - dann doch geratenen - Speckpizza, sein Leben gibt einen geglückten Text. Und Thomas Kapielski ist ein sehr guter Autor. Auch komisch!
Thomas Kapielski: Davor kommt noch Gottesbeweise IX-XIII
Merve Verlag, Berlin 1998; 174 S., 24,- DM
- Datum 28.05.2009 - 15:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 41/1998
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