Eine Wissenschaft vom christlichen Glauben ist sowenig christlich wie die Wissenschaft vom Verbrechen verbrecherisch", schrieb der Theologe Oskar Pfister 1923. Würden sich die deutschen Theologischen Fakultäten dieser Einsicht öffnen, müßten sie schließen. Aber sie brauchen nicht, denn sie sind gesetzlich geschützt. Besondere Verträge mit dem Staat garantieren den christlichen Kirchen konfessionellen Religionsunterricht an staatlichen Schulen und konfessionelle Theologie an staatlichen Universitäten. Wer nicht katholisch oder evangelisch getauft ist und die entsprechende Kirchensteuer zahlt, darf Religionsunterricht nicht erteilen; wer Theologieprofessor werden will, braucht zudem ein positives Gutachten der zuständigen Diözese oder Landeskirche.

Und die Kirchen tun, als sei das das Selbstverständlichste von der Welt. War's nicht immer so? Verdankt sich die europäische Universität nicht gar dem Christentum? Wohl wahr. Als im 12. und 13. Jahrhundert die Universitäten von Bologna und Paris von sich reden machten, da wurde der fortgeschrittenste Stand des Wissens von Theologen vorgetragen, da war die theologische Fakultät die höchste. Allerdings war da auch die Zugehörigkeit zur Gesellschaft zugleich Zwangsmitgliedschaft in der allein seligmachenden Kirche und das Abweichen von ihrer Lehre ein Kapitalverbrechen.

Diese Zeiten sind vorbei. Das Christentum ist nicht mehr der kulturelle Leim einer ganzen Gesellschaft, sondern nur noch ein Ferment darin. Ein Menschenrecht namens Religionsfreiheit hat sich durchgesetzt. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ist es von Freigeistern, Aufklärern, Bürger- und Arbeitervereinen mühsam erkämpft worden - gegen erbitterten kirchlichen Widerstand. Seit aber die kirchliche Macht nicht mehr ausreicht, es zu verhindern, gehören die Kirchen zu denen, die es am lautesten für sich reklamieren. Wir wollen nur das Recht, unsern Glauben praktizieren zu dürfen wie jede andere Religionsgemeinschaft auch, beteuern sie. Doch wenn sie "Recht" sagen, meinen sie "Vorrecht". Eintreibung der Kirchensteuer durch den Staat, christlicher Religionsunterricht als reguläres Schulfach, konfessionsgebundene Theologie im gleichen wissenschaftlichen Rang an der Universität wie Physik, Mathematik oder Soziologie: all das, was in unserm Kulturkreis sämtlichen andern Glaubensgemeinschaften im Namen der Religionsfreiheit verwehrt wird und was die Großkirchen nur dürfen, weil sie es früher durften, als sie für das Menschenrecht der Religionsfreiheit noch der größte Hemmschuh waren, das soll ihnen selbstverständlich bleiben.

Von Zeit zu Zeit regt sich öffentliche Empörung dagegen, wie in Deutschland zuletzt im Fall Küngs, jenes katholischen Theologen, der die Unfehlbarkeit des Papstes angezweifelt, ein abweichendes Verständnis von Christsein entfaltet hatte und nach vielem Hin und Her die kirchliche Lehrbefugnis entzogen bekam. Als halbwegs aufgeklärter Zeitgenosse schüttelte man damals den Kopf über die Engstirnigkeit der obersten Glaubensaufsichtsbehörde in Rom. Daß Küng, als er die Tübinger Fakultät der Katholischen Theologie verlassen mußte, dem Rektor der Universität direkt unterstellt wurde, sein eigenes Institut und alle akademischen Ehren bekam, nahm man als gerechten Ausgleich und moralischen Sieg einer weltoffeneren Theologie.

Nun haben die evangelischen Kirchen, die sich damals am öffentlichen Kopfschütteln kräftig beteiligten, ihren eigenen Fall, und dessen Stachel geht tiefer. Gerd Lüdemann, 1983 als ordentlicher Professor für Neues Testament an die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Göttingen mit voller kirchlicher Zustimmung berufen, ist im Laufe des letzten Jahrzehnts durch seine wissenschaftliche Arbeit, die sogenannte historisch-kritische Bibelforschung, zu unerwarteten Ergebnissen gekommen. Die zahllosen Unstimmigkeiten und Unredlichkeiten, die ihm in den biblischen Texten aufstießen, haben ihn nach und nach davon überzeugt, daß weder Jesus auferstanden noch die Bibel göttliches Wort sei. Daraus hat er die Konsequenz gezogen: Sein Buch Der große Betrug (zu Klampen Verlag, 1998), das aus der Spreu der vielen Jesus untergeschobenen Bibelworte die wenigen herausarbeitet, die er mit gewisser Wahrscheinlichkeit so oder ähnlich gesagt haben könnte, hat einen spektakulären Auftakt. Es beginnt mit einem Abschiedsbrief an den "Herrn Jesus": nimmt Abschied von allem, was das Christentum diesem Jesus nachträglich angehängt hat: seinem Sühnetod für unsere Sünden, seiner Gottessohnschaft, Auferstehung und rettenden Wiederkunft.

Damit war das Maß voll. War Lüdemann schon die kirchliche Prüfungserlaubnis entzogen worden, als er Jesu Auferstehung bestritt, so verlangten nun seine Göttinger Fakultätskollegen in einer gemeinsamen Erklärung seinen Austritt aus der Theologischen Fakultät. Ein Nichtchrist könne nicht weiterhin Theologieprofessor sein. Die Konföderation Evangelischer Kirchen in Niedersachsen griff diese Forderung auf und teilte Lüdemann Mitte Juli schriftlich mit, das kirchliche Gutachten für seine Berufung nach Göttingen müsse "mit allen Konsequenzen zurückgenommen werden. Diese Rücknahme muß nach unserer Auffassung dazu führen, daß Sie die Theologische Fakultät verlassen." Professor dürfe er gerne bleiben, aber nicht für Theologie. Man gab Lüdemann sechs Wochen Zeit zu einer Stellungnahme, aber schon nach zwei Wochen vermeldete der Evangelische Pressedienst (epd) eine "Einigung" zwischen dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur und den Evangelischen Landeskirchen: An der Göttinger Fakultät solle für "Ersatz im Fach Neues Testament" gesorgt werden.

Lüdemann freilich denkt nicht daran, seinen Lehrstuhl zu räumen, und er tritt auch nicht aus der Kirche aus, weil die ihn dann nach geltender Rechtslage sofort aus der Fakultät entfernen könnte. "Ich will an der Theologischen Fakultät nur weiter tun dürfen, was ich bei meiner Habilitation versprochen habe: der Wissenschaft dienen und die akademische Jugend im Geist der Wahrheit erziehen", heißt es in seiner Stellungnahme vom August 1998 an die Konföderation, und sein neuestes Buch Im Würgegriff der Kirche (zu Klampen Verlag, 1998) ist der ausführliche Kommentar dazu: ein Manifest "Für die Freiheit der theologischen Wissenschaft".