die zeit: Sie beschäftigen sich mit psychischen Energien in der Kunst und erarbeiten damit einen neuen kunsttheoretischen Ansatz. Das sei nötig, meinen Sie, denn die Kunstgeschichte trete seit dreißig Jahren auf der Stelle.

Klaus Herding: Habe ich das gesagt? Das ist kühn. Aber es ist etwas dran. Die Stilgeschichte gab es damals schon lange, auch die Ikonographie. Und bei diesen beiden Hauptpfeilern ist es geblieben. Die Frage nach den psychischen Energien führt auf ein neues Feld, und ich denke, daß es von noch gar nicht absehbarer Tragweite sein kann.

zeit: Welche wesentlich neuen Erkenntnisse versprechen Sie sich von einer psychoanalytischen Kunstinterpretation?

Herding: Nun, die Kunstgeschichte hat Leib und Seele vergessen. Die Frage ist doch: Was ruft an Kunstwerken eigentlich unsere emotionale Beteiligung hervor?

zeit: Um das zu beantworten, gehen Sie am Ende des Jahrhunderts an seinen Anfang zurück. Ihr wichtigster Gewährsmann ist neben Aby Warburg Sigmund Freud.

Herding: Freud hat mit geradezu poetischem Gespür bei Michelangelo und Leonardo Unstimmigkeiten, Zweideutigkeiten, Merkwürdigkeiten entdeckt. Etwas, was nicht aufgeht. Er hat sich gefragt, was sich hinter Leonardos Interesse für Mona Lisa verbirgt.

zeit: ... und warum die Mona Lisa lächelt? Freud hat ihr Lächeln als Reaktion auf Leonardos Kindheit unter der Obhut von zwei Müttern gedeutet. Immer wieder haben Kunsthistoriker sich bemüht, ihn darin zu widerlegen. Noch in allerletzter Zeit haben neue Aufsätze zu Freuds Leonardo-Interpretation für Aufsehen gesorgt.