Nach Jahrzehnten die erste Wahlnacht in Deutschland. Die Kampagnen und die Entscheidungen nahm ich seit 1974 durch einen Filter wahr, in Amerika oder Frankreich, Hoffnungen und Enttäuschungen (wenn es denn welche waren) - durch die Entfernungen gedämpft. Es ging mich an, doch nur von weit her.

Und nun? Die Deutschen haben mit einer stupenden Normalität gewählt - so langweilig, wie man sie sich wünscht. Es ist kein Wunder - und ebendarum ist es doch eines. Über den Wahlkampf sagte keiner, er sei inspirierend gewesen - oder auch nur ein schwaches Echo jenes Aufbruchs von 1972, als Willy Brandt die "neue Mitte" proklamierte, die der schneidige Erbe in Hannover mit der Verspätung eines Vierteljahrhunderts für sich in Anspruch nahm. Nirgendwo regte sich Elan. Nichts riß uns mit. Es regnete keine Einfälle und keinen Enthusiasmus. Dies war kein politisches Pfingsten.

Hier die Kanzlermasse, die sich wie ein Strom halbkalter Lava in den Statistiken der Demoskopen voranschob, jeden Widerstand erdrückend - und es hat nichts geholfen, gar nichts. Dort der flotte Propagandist seiner selbst; seiner banalen Gewißheit, vor dem Wind zu segeln; seines naiven Verzichts auf Skepsis, Melancholie oder Zweifel. Nichts von den Gebrochenheiten, in denen sich die Substanz eines Willy Brandt zu erkennen gab. Ihn wird der Anflug von Traurigkeit nicht erreichen - noch nicht -, mit dem sich der erste sozialdemokratische Regierungschef der jungen Republik in der Nacht seines Triumphes in sein Haus auf dem Bonner Venusberg zurückzog, um den Sieg im ruhigen Gespräch mit ein paar Freunden zu humanisieren. Vielleicht ahnte er in jenen Stunden auch den Niedergang seines Sternes voraus.

Nichts von dem Geist jener Tage war in den vergangenen Wochen zu spüren: Kein großes Thema, keine mobilisierende Debatte, die bis zum Eßtisch der Familien vorgedrungen wäre, keine Konfrontationen, die uns aufhorchen ließen. Nirgendwo sprühten Funken.

Warum trieb es mich dennoch am Wahltag nach Deutschland? Die Antwort kann nur eine tastende sein. Vielleicht, dachte ich, weil dies die letzte Chance unserer Landsleute war, vor dem Anbruch ins nächste Jahrhundert einen Wandel zu erzwingen. Selbst wenn keine neuen Gesichter präsentiert werden, selbst wenn auch die Sieger vor jedem Risiko zurückscheuten und - wie es für uns Deutsche in so vieler Hinsicht Gewohnheit ist - "auf Nummer Sicher" gehen wollten. Mit anderen Worten: Es war die letzte Möglichkeit, dem alten Routinier endlich zu entkommen und ihm auf die freundliche Manier adieu zu sagen, um mit ruhigem Trotz zu konstatieren, daß es so nicht weitergehen konnte, nicht mit der Koalition, nicht mit der Opposition, nicht mit den gegenseitigen Blockaden. Neue Ideen gab es nicht. Die Programme interessierten keinen, da sie allesamt von dröhnender Langeweile waren.

Das wollte ich erleben: den Augenblick am Abend des 27. September 1998, in dem die deutschen Fenster aufsprangen. Von draußen drang kein Jubel herein. Kein Feuerwerk. Kein Tanz auf den Straßen. Keine Orgie der Verbrüderung, der Verschwisterung wie damals am 10. Mai 1981, als in Frankreich der Machtwechsel geglückt war.

Aber ein Lufthauch regte sich, in dem sich - vielleicht, vielleicht - der politische Dunst verzieht, der unser Volk so lang bedrückt hatte. Ich wollte den Moment schmecken, in dem wir uns aus den faulen Depressionen aufrafften, um mit neuem Mut an die Arbeit zu gehen. In dem wir die große Lethargie abschüttelten, die uns während der vielen Jahre paralysierte. In dem wir den grimmigen Unmut vertrieben, der sich in den Gemütern vor allem der ostdeutschen Landsleute festgefressen hatte. In dem wir den grauen Himmel aufrissen, unter dem wir uns duckten. In dem wir ein wenig mehr Luft und Licht und Raum schafften. Kurz, in dem uns schließlich der Herzogsche Ruck erreichte.