Freddy wohnt am unteren Ortsausgang, bei seiner Mutter, die eine Kneipe betreibt. Sie trägt eine Kittelschürze, steht am Tresen und schaut auf den Fernseher. Freddys Freundin Marie wohnt in der gleichen Straße, am oberen Ende. Dazwischen ducken sich kleine Häuser aus rotem Klinker, und die Straße liegt menschenleer da, im Winter genauso wie in der Hitze des Sommers. Manchmal bellt in der Ferne ein Hund.

Freddy rast mit seinem Motorrad aus dem Ort in die Felder. Er macht Lärm gegen die Stille, gegen die Provinz, gegen die öde, flache Landschaft Nordfrankreichs kurz vor der belgischen Grenze, in der es nichts gibt, an dem der Blick sich festhalten könnte. Wenn Freddy nach Hause zurückkehrt, bremst er nicht ab, sondern wirft sich vom fahrenden Motorrad auf den Asphalt und schürft sich die Schultern blutig. Er stellt den Kassettenrecorder vor den Vogelkäfig und lehrt seinen Sperling das Zwitschern. Sonst ist nichts los in Bailleul.

Regisseur Bruno Dumont hat die Laiendarsteller seines Films in seinem Heimatort Bailleul gefunden, im Rathaus, in der Schlange der Arbeitslosen. Zwanzigjährige mit stumpfen Gesichtern, eingezogenen Schultern und kurzgeschorenem Haar. Sie hängen herum, frisieren ein Auto, trommeln in der örtlichen Blaskapelle und machen mit ihren Motorrädern die Gegend unsicher. Am Ende töten sie den arabischen Jungen, der sich in Marie (Marjorie Cottreel) verliebt hat. Freddy tritt ihm ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen. Es ist eine dumpfe, freudlose Aggression, keine blinde rassistische Wut. Die Energie der Halbstarken explodiert nicht, sie implodiert.

Bruno Dumont (Jahrgang 1958) hat an der Fachhochschule Philosophie unterrichtet, bevor er "La Vie de Jésus" drehte. "Mein ganzes Bücherwissen, meine ganze Philosophie hat zu nichts geführt. Ich mußte bei Null beginnen." Dumont versteht die Jugendlichen nicht; er hat sie zwar unterrichtet, aber er begreift nicht, was sie tun. Er kann sie nur zeigen: schwere, muskulöse Gestalten, uralte Kinder in Lederjacken, verschlossene, verlorene Menschen in Cinemascope. Selten ist in diesem opulenten Format so viel Tristesse zu sehen, in Bildern von der Freiheit, mit der sich nichts anfangen läßt, und von der Gewalt, die daraus entsteht. Dumont nennt "La Vie de Jésus" einen christlichen Film.

Freddy (David Douche) hat ein breites, bulliges Gesicht mit kleinen, schutzlosen Augen und einem schmalen Lächeln. Ein Parsifal aus der Provinz, ein Antlitz mit Motorradhelm, das man nicht vergißt. Ecce homo: Freddy ist Epileptiker; im Hospital stecken sie Elektroden und Drähte an seinen Kopf und schieben seinen Körper für die Tomographie in eine Röhre. Als ob der Krankheit mit Maschinen beizukommen sei. Wenn er einen Anfall hat, wird der Blick starr. Der Körper, ein Bündel aus Muskeln und Nerven, zuckt unkontrolliert. Und wenn er Sex mit Marie macht, klatschen die Leiber aneinander, schnell, mechanisch und lieblos. Dumont zeigt den Geschlechtsakt in rohen, fast pornographischen Bildern. Zärtlich sind die beiden erst danach, halten Händchen wie die Kinder, küssen sich minutenlang vor der Haustür und sagen einander, daß sie sich lieben. Eine Liebe zum Verzweifeln.

Unter den neuen französischen Filmen über das Leben in der Provinz, über Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität ist "La Vie de Jésus" der verstörendste und der wahrhaftigste. Soziologische Schlagworte verfangen hier nicht. Man müßte über diesen Film in ganz kurzen Sätzen schreiben können: Subjekt, Prädikat, Objekt - ohne Handlung, ohne Hoffnung, ohne Erlösung. Für einen wie Freddy ist das Leben schon lange vor dem Tod zu Ende.