Das Wichtigste zuerst: Er war nicht da. König Walser, Väterchen King Kong, ist zu Hause geblieben. Und mit ihm seine Durchschnitts-Männerhelden, von Vertreter Kristlein bis Lehrer Halm, all die berechenbaren, tiefvertrauten Existenzen. Wer Theresia Walser die Frage nach dem berühmten Vater stellt, erntet eine spröde, freundlichdistanzierte, mit einem geschickten Ton des Erstaunens versehene Antwort. Und der Fragende ahnt sogleich, daß es hier nichts mehr zu fragen gibt. Jetzt nicht, im Wirtshaus Zum Grünen Glas in Zürich. Man darf nicht fragen, aber dennoch: Das Fragen lohnt sich. Denn an anderer Stelle, in ihren Stücken, ist Theresia Walser gerne bereit, Auskunft zu geben.

"Frag nicht nach Sonnenschein", sagt Carla in King Kongs Töchter und wiederholt den seltsamen Satz noch einige Male. Er klingt wie eine hintergründige Anspielung auf den frühen Halbzeit-Roman von Martin Walser, wo Anselm Kristlein, ein sozialer Aufsteiger der späten Fünfziger, sich selbst zuviel ist: "ein Gefangener der Sonne für einen weiteren Tag". Wie Anselm ist auch Carla ein streng statistisches Wesen. Eine Verwandte im Erbgut, mit aktuellen Attributen allerdings. Denn Carla ist in die Abstiegsfalle getappt, ein perspektivloses Kind in der Endzeit des Weltklasse-Kanzlers: Carla ist Pflegerin im Seniorenheim. Der Ort entpuppt sich als Wertmüll-Deponie der besonderen Art.

Gemeinsam mit Meggie und Berta, ihren Freundinnen vom Pflegepersonal, entsorgt Carla jeden Insassen pünktlich zum Achtzigsten. Dazu wird ein knallbuntes Sterben inszeniert. Der Tod als glamouröses Spektakel. Das mörderische Trio widmet sich den Todgeweihten mit vollgepacktem Schminkköfferchen, feinen Stoffen und zielgenauen Requisiten. Herr Friedrich wird zu Clark Gable auf der Badematte, Herr Franz zu Fred Astaire auf der Treppe. Jetzt aber - und hier beginnt das obszöne Stück vom Sterben - ist Frau Tormann dran. Sie soll als Mae West auf einem roten Plüschsofa enden, ein später Moment der Unsterblichkeit, festgehalten für die Ewigkeit.

Tollkühner Kunstflug vorm endgültigen Erlöschen

"Du spielst die falschen Rollen, du solltest dich lieber aufs Schrille verlegen", sagt Verena zu Maria in Das Restpaar, dem jüngsten Stück Theresia Walters (erschienen ist es, zusammen mit Kleine Zweifel, im Verlag der Autoren). Der Satz könnte einem dramatischen Bekennerschreiben der Autorin entnommen sein. Ihre Stücke werden von Ohnmachts-Heldinnen bevölkert. Sie sind, wie die beiden arbeitslosen Schauspiel-Absolventinnen in Das Restpaar, unversehens ins gesellschaftliche Abseits geraten. Ihr Schicksal scheint besiegelt, der Schiedsrichter hat schon die Pfeife zum Abpfiff im Mund, da legen sie, bevor es zu spät ist, noch einen tollkühnen Kunstflug hin, ein furioses Kabinettstück, das ihnen ein paar Sekunden lang Aufmerksamkeit beschert, vorm endgültigen Erlöschen.

In King Kongs Töchter ist die Gangart schärfer und bedrohlicher geworden. Das Schrille ist subtiles Stilprinzip. "Medientragödienmonster sind das", sagt Theresia Walser über Carla und ihre tödlichen Freundinnen und umreißt punktgenau, was mit ihnen geschieht: "Sie benutzen den Medienhorrortriumph, um ihre eigene Tragödie zu verstecken."

Wer aber den Medienhorrortriumph in Szene setzt, darf die unscheinbare, verletzliche Herkunft jener gewaltbereiten Frauengestalten nicht vergessen. Eine Balance von "formalem und gestischem Ausdruck" wünscht sich die Dramatikerin für ihr Stück. Filigrane "Mehrstimmigkeit" anstelle von protzenden Heldenarien, ein "musikalisches Gewebe" eben. Wo aber gab es in der Vergangenheit einen schillenderen Ort dafür als am Neumarkttheater, der Ensemble-Glanzstätte in Zürich? Hier wurden Uraufführungen wie nirgendwo anders zelebriert, Schauspieler-Projekte von In Sekten bis zu Top Dogs, die dem Theater unter der Intendanz von Volker Hesse und Stephan Müller zu stolzem Ruhm verhalfen. Inzwischen verhüllt ein milder Abschiedsnebel das kleine Schauspielhaus in der Zürcher Altstadt. Das Ensemble hat sich schon zerstreut (die meisten wagen gerade mit Stefan Bachmann in Basel einen Neuanfang). Hesse wechselt nach Köln, als Gastregisseur; Müller ist bereit zum Gipfelsturm auf die Wiener Burg, wo er das Experimentalstudio leiten soll (und wohin Hesse ihm vielleicht doch noch folgen wird?).