Montag mittag, nach der langen Bonner Wahlnacht, saß Walter Riester schon wieder im Auto Richtung Frankfurt. Noch ist er nicht Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, sondern Zweiter Vorsitzender der IG Metall, noch darf er nicht fehlen, wenn deren Vorstand tagt. Schon in dieser Woche aber will er "wichtige Gespräche" führen, am Dienstag war er wieder zurück in Bonn. "Ich habe konkrete Pläne für ein Bündnis für Arbeit in der Tasche", sagt er. Nun will er "sondieren", wie weit er damit kommt, und das ziemlich schnell.

Denn jetzt gilt's, gerade für ihn. Ausgerechnet der Bonner Quereinsteiger dürfte zu einer der Schlüsselfiguren der künftigen Bundesregierung werden: In den Planspielen sowohl von Gerhard Schröder als auch von Oskar Lafontaine kreist vieles um den schmächtigen Mann mit dem stoppeligen Haarkranz. Die Grünen setzen auf ihn, weil sich ihre Modernisierungspläne eher mit den seinen decken als mit denen der traditionellen Sozialdemokratie. Die Gewerkschaften schließlich sind froh, ihren profiliertesten Vertreter im Kabinett zu wissen - wenn sie auch ahnen, daß ihnen der ebenso eigenständige wie unbequeme Riester das Leben nicht leicht machen wird. Aus der stillen Fremdheit, die schon jetzt viele Kollegen mit Riester verbindet, könnte schnell echte Distanz werden.

Und doch: Das ominöse Bündnis für Arbeit kann, wenn es denn gelingt, sehr viel mehr werden als eine Plauderrunde am Tisch des Kanzlers. Auch die beliebte Frage, wer denn nun wie verbindlich wie viele neue Jobs versprechen kann, dürfte alsbald keine Rolle mehr spielen. Eher schon verspricht das Ganze eine Art Reformwerkstatt für die ungelösten Probleme des deutschen Arbeitsmarktes zu werden, und das muß wohl auch so sein. "Die klassischen Instrumente der Makrosteuerung wie Geld- oder Fiskalpolitik funktionieren nicht mehr, also müssen wir uns den strukturellen Problemen zuwenden", sagt Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, der nicht Riester-Berater genannt werden will, auf dessen Rat der kommende Arbeitsminister dennoch hört.

In den Denkstuben der Beteiligten, ob bei den Gewerkschaften, im Dunstkreis Riesters oder bei den Grünen, wird an umfangreichen Themenlisten für das Bündnis gebastelt. Darauf finden sich viele liegengebliebene Probleme der vergangenen Jahre: Wie ist der drastisch steigenden Zahl der 620-Mark-Jobs zu begegnen, wie kann die Teilzeit gefördert, wie aus Überstunden reguläre Arbeitsplätze gebacken, wie den Langzeitarbeitslosen geholfen werden? "In vielen Fragen können wir relativ schnell erste Lösungen finden", glaubt einer, der beim DGB für das Bündnis zuständig ist.

Arbeitskraft stillzulegen hilft allein nicht mehr weiter

Riester selbst, sonst nicht verzagt, gibt sich bislang eher bedeckt. Vorerst beschwört er wie seit Monaten schon vor allem einen neuen "Generationenpakt": Um den drohenden Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit zu verhindern, sollen die Älteren via Altersteilzeit schneller Platz machen. Wichtig gewiß, aber eher ein defensives Mittel, weil es lediglich auf die Umverteilung der bestehenden Arbeit setzt. "Arbeitslosigkeit durch Stillegung von Arbeitskraft zu bekämpfen wird immer aussichtsloser", meint Wolfgang Streeck. Zu groß sei der Andrang auf den Arbeitsmarkt. Streeck verweist auf das Ausland: Staaten mit hoher Erwerbsquote hätten oft eine nur geringe Arbeitslosigkeit - und umgekehrt.

Wichtiger sind daher die wirklich strukturellen Reformen: Wie kann der Faktor Arbeit von den hohen Sozialabgaben entlastet werden, ohne daß die wirklich Schutzbedürftigen auf der Strecke bleiben? Wie können die soziale Sicherung so reformiert werden, daß sie besser als heute wechselvollen, bruchstückhaften Erwerbsbiographien gerecht wird - und diesen nicht im Weg steht? Wie kann zugleich ein flexibler Arbeitsmarkt und relative Sicherheit für die Beschäftigten geschaffen werden?